Prim. a.D. Dr. Zimmerl Hans
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie


Internetsucht - Die Fakten

Prim.Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie


Internetsucht gilt als Synonym für exzessiven Gebrauch des Mediums, wobei das Verhalten wissenschaftlichen Suchtkriterien genügen muss. Die SYMPTOME sind:
  • Fokussierung: der Brennpunkt (Fokus) des Denkens und der Handlungsintention richtet sich darauf, online zu sein. Offline treten quälende Fantasien darüber auf, was man versäumen könnte. Eine Art von "craving" (Gier) ist zu beobachten. Die Folge ist eine Einengung des Verhaltensraumes, der Internetgebrauch erlangt erste Priorität.
  • Kontrollverlust: der online verbrachte Zeitrahmen kann nicht kontrolliert werden. Oft - nicht immer - findet sich auch das Phänomen der "Toleranzsteigerung", das heißt, dass der User zur Befriedigung sein online-Verhalten quantitativ und qualitativ ständig intensivieren muss.
  • Negative Konsequenzen: durch das exzessive online-Verhalten treten sowohl körperliche Schäden auf (Mangelernährung, Vernachlässigung des Schlafbedürfnisses, Schäden am Bewegungsapparat, Schäden am Sehapparat, bis hin zu vital bedrohlichen Erschöpfungszuständen) als auch psychosozialen Folgeschäden (soziale Selbstisolierung durch Vernachlässigung aller Sozialkontakte, Arbeitsplatzverlust, schulisches Versagen bzw. mögliche Verschlechterung psychischer Grundkrankheiten).
  • Entzugssymptome: wie bei anderen Abhängigkeitserkrankungen findet man bei Internetsüchtigen dann, wenn sie unfreiwillig offline sind, psychovegetative Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Affektlabilität, Unruhe, Unkonzentriertheit.
  • Unfähigkeit zur Verhaltensänderung: Trotz der Offensichtlichkeit der negativen Folgen des Verhaltens ist der Internetsüchtige nicht aus eigenem fähig, sein Verhalten zu korrigieren. Suchttypische intrapsychische "Abwehrmechanismen" - von der Verleugnung/Bagatellisierung über die Projektion bis hin zur Rationalisierung, also dem Erfinden gefinkelter Rechtfertigungsstrategien - sind ebenfalls festzustellen. 

Diese fünf Kriterien finden sich (in unterschiedlicher Ausprägung) bei allen Internetsüchtigen erfüllt. 

Die Bezeichnung variiert: Im Deutschen spricht man von Internetsucht, Onlinesucht, Pathologischem Internetgebrauch (was die wissenschaftlich korrekteste Bezeichnung ist), im Englischen von internet addiction disorder, pathological internet use. 

Anbei eine CHRONOLOGIE der Beforschung:

  • 1995:
    YOUNG Dr. Kimberly (University of Pittsburg) etabliert erstmals den Begriff: "IAD" für "inter addiction disorder". Sie schreibt mehrere Bücher und richtet in den Folgejahren eine Online-Beratungsstelle für Betroffene ein, nämlich "COLA" (für "center of online addiction"). Die von ihr anfangs behaupteten 20% an Abhängigen hat sie in ihrer letzten Publikation auf 6% reduziert.

  • 1996:
    ORZACK Dr. Maressa (McLean Hospital, Massachusetts) bestätigt internet addiction im Ausmaß von 6-9% der user und vermutet diese vorwiegend in chatrooms.

  • 1997:
    BRENNER Dr. Victor, SULER Dr. John, (beide USA) bestätigen die vorliegenden Untersuchungen, beurteilen sie aber teils durchaus zurückhaltend. DÖHRING Dr. Nicola (Deutschland) wendet sich gegen verallgemeinernde Einschätzungen, ortet Suchtphänomene vor allem bei Online-Spielen (sog. "muds")

  • 1998: 
    ZIMMERL Dr. Hans verfasst 1. deutschsprachige Studie (allerdings ausschließlich im Bereich: chatroom) und weist in diesem Anwendungsbereich 12,7 % Abhängige nach.

  • 1999: 
    FARKE Gabriele etabliert 1. deutschen Selbsthilfeverein (der mangels öffentlicher Förderung mittlerweile eingestellt werden musste) und betreibt als "Ex-Süchtige" massive Öffentlichkeitsarbeit.

  • 1999: 
    JERUSALEM Dr. & HAHN Dr. (Humboldt - Universität Berlin) beginnen eine breitangelegte Forschungsstaffel mit 10.000 Befragten. Sie befinden rund 3 % der Untersuchten als internetsüchtig.

  • 2000: 
    SEEMANN Dr. Oliver (Psych. Klinikum München) führt in seiner Studie 4,6% Abhängige an.

  • 2001: 
    EIDENBENZ Dr. Franz (Schweiz) führt mit HAHN Dr. (Berlin) die 4. Staffel einer – dieses mal auch die Schweizer User beteiligenden – Studie durch. Er hat auch zuvor in Zürich die 1. Schweizer Beratungsstelle für Onlinesüchtige geschaffen und betreut diese. Er findet eine Prävalenz von 2.3% Abhängigen.

  • 2005: 
    "China Youngsters Network Addiction Data Report" weist als erste chinesische Studie bei Teenagern eine Prävalenzrate von rund 13% Internetabhängigen aus (Quelle: http://winfuture.de/news,23176.html)

STATISTISCHE FAKTEN: Lag 2001 laut Gallup die Zahl täglicher Internetbenutzer in Österreich noch bei rund 1 Million, stieg diese Zahl bis Ende 2005 laut AIM auf rund das Doppelte. Gemessen an den Daten der Berliner Forscher, die 3% Abhängigkeitsrate über alle User nachwies, ist die Zahl internetsüchtiger österreichischer BürgerInnen als von 30.000 auf 60.000 gestiegen zu schätzen. 

GEFÄHRDET sind von Seiten des Individuums vor allem Jugendliche (sie schätzen die Möglichkeiten des Internet oft falsch ein. Ihre Experimentierlust und unreife Selbstzweifel finden Scheinkompensation in virtuellen Rollenspielen [MMPORG] oder in der scheinanonymen Kommunikation) - aber auch Sozialfaktoren spielen eine Rolle (Arbeitslose und Alleinstehende sind stärker gefährdet). Die Anonymität wirkt weiters einerseits auf gehemmte, andererseits auf narzisstische Persönlichkeiten besonders anziehend.
Die Relation: männliche zu weibliche Betroffene hat mittlerweile in etwa Parität erreicht.

Als TRIEBFEDER kann man 1.) Realitätsflucht und –verdrängung, sowie 2.) Experimentieren mit der eigenen Identität (wie z.B. das "gender switching") und 3.) gleichzeitige Befriedigung von Spieltrieb und Kommunikationsbedürfnis anführen. Als psychologischer Hintergrund ist zu bewerten, dass im Internet (v.a. im Kommunikationsbereich der anonymen Nicknames) Eigenschaften ausgelebt bzw. simuliert werden können, welche in heutiger zeit hohen sozialen Stellenwert haben (Flexibilität, "ewige" Jugendlichkeit, persönliche Souveränität, sozialer Aufstieg, etc.).

GEFÄHRDUNGSBEREICHE: waren noch vor 10 Jahren 2/3 der Süchtigen im Kommunikationsbereich, und 1/3 im Spielbereich anzutreffen, haben sich 10 Jahre später die Relationen etwas verschoben. Zwar dominieren diese Bereiche nach wie vor, aber zunehmenden Anteil gewinnen das Glücksspiel, Erotik, Angebote wie ebay oder diverse Partnerbörsen, bis hin zur Blogszene (virtuelle Tagebücher). Durch die sich anbahnende Verschränkung mit der Mobiltelefonie (mobile internet) ist mit einer Ausweitung des Phänomens zu rechnen.

Die BEHANDLUNG wird sich jeweils am Einzelfall orientieren müssen und – im Gegensatz zu stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen – als besondere therapeutische Herausforderung nicht die Abstinenz, sondern den kontrollierten Gebrauch des Mediums zum Ziel haben müssen. Nach der Motivierungsphase und kognitiv-verhaltenstherapeutischen Maßnahmen wird die Sanierung der Grundstörung zu leisten sein.

Als PRÄVENTION: Den Anbietern besonders gefährdender Anwendungsbereiche (Kommunikationsbereich, Spiele) sei ein Info-link zur Thematik im Rahmen der Registrierung der User dringend anempfohlen. Im pädagogischen Bereich sollte es keinen EDV-Lehrstoff ohne Einbeziehung der Thematik in den Lehrplan geben. Weiteres sollten sich alle mit Jugendlichen befassten Berufsgruppen mit der Thematik kundig machen, wie ebenso alle Berufsgruppen aus dem Bereich der psychosozialen Versorgung der Bevölkerung. Die Wissenschaft schließlich sei zu weiterer Beforschung der Internetsucht aufgefordert.


Quelle/Für den Inhalt verantwortlich: Prim. Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie
Datum der letzten inhaltlichen Aktualisierung / Revision:
Dezember 2008

 

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