Prim. a.D. Dr. Zimmerl Hans
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie

 

INTERNETSUCHT

Prim. Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie & Dr. med. Beate Panosch


Der Zweck dieser Studie war es, die in Nordamerika behauptete Existenz der sog. "Internet Addiction Disorder (IAD)" wissenschaftlich zu hinterfragen.

Da sowohl gemäß der einschlägigen Literatur als auch aus eigener Einschätzung der Teilbereich 'Chatroom' betroffen zu sein scheint, wurde im beliebtesten deutschsprachigen Programm namens Metropolis - Chatsystem eine Online - Umfrage durchgeführt. Der verwendete Fragebogen war in HTML geschrieben und am GIN-Server der Universität Innsbruck deponiert. Auf der Login-Site des Chatsystems verwies ein Link zum Fragebogen. Der Bogen war online von 17.02. bis 27.04.1998 abrufbar. Die Auswertung erfolgte am Institut für Biostatistik und Dokumentation der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck (Vorst.: Univ. Prof. Dr. Pfeiffer).

Es wurden im genannten Zeitraum 519 Bögen ausgefüllt, wovon 473 verwertet werden konnten. Die Gliederung des Fragebogens umfasste einen soziodemographischen Teil, weiters ein Kapitel zu Fragen nach den Gebrauchsgewohnheiten sowie einen 19 Fragen umfassenden Teil mit Fragen nach der Motivlage, der expliziten Frage nach dem Erleben "rauschähnlicher Zustände" während intensiven Chattens, sowie eine Frage zur Selbsteinschätzung als "süchtig".  Alle Fragen waren ähnlich wie etwa beim MALT (Münchner Alkholismus-test) mit "Richtig/Falsch" zu beantworten. Schließlich wurde in diesem 3. Teil des Fragebogens ein Bündel von 7 - als suchtspezifisch definierten - "Kernfragen" etabliert. Diese bezogen sich auf:

1.   unwiderstehlichen Zwang zum Einloggen
2.   Schuldgefühle wegen zu langer Online-Zeiten
3.   häufige Rügen durch unmittelbare Bezugspersonen
4.   nachlassende Arbeitsleistung
5.   mehrmalige vergebliche Versuche der Einschränkung
6.   Verheimlichung der online - Aktivitäten vor der Umwelt
7.   Entzugserscheinungen in Form von Unruhe und Nervosität bei Verhinderung am Chatten.

Die Art der Fragestellung geht konform mit bereits gebräuchlichen amerikanischen Check-Lists sowie ist sie eine Adaptierung der diagnostischen Kriterien der "Spielsucht" gemäß DSM III-R. Analog wurde ebenfalls das Zutreffen von zumindest 4 der obengenannten Kriterien zur Diagnosestellung verlangt.

Nach diesem Maßstab ergibt sich das Indiz, dass 12.7% der Probanden ein suchtartiges Verhalten aufweisen, welches man als "Pathologischen Internet - Gebrauch (PIG)" bezeichnen könnte.

Auffallend ist weiters, dass 30.8% der Subgruppe "PIG" rauschähnliche Erlebnisse bei intensivem Chatten bejahen. Hier kann ein biologischer Hintergrund im Bereich der Neurotransmitter und/oder des Endorphinhaushaltes vermutet werden - was weiter zu erforschen wäre. Zudem ist auffällig, dass 40.9 % der Subgruppe: "PIG" sich selbst als "süchtig" einstufen, was für Bereitschaft zur Selbstreflexion spricht und die Diagnostik eventuell erleichtern könnte. Alle angeführten Korrelationen sind statistisch hochsignifikant.

Es sei nun an dieser Stelle ausdrücklich festgehalten, dass diese Studie nur Indizien liefern konnte - seriöse klinische (möglichst prospektive) Fallstudien mit ausreichendem Follow-up müssen nachfolgen, ehe man tatsächlich eine neue Form nicht-stoffgebundenen süchtigen Verhaltens als evident prävalent behaupten kann.

Trotzdem sollte bis dahin jedenfalls nervenärztlicherseits "PIG" in der Diagnostik und gegebenenfalls Therapie als Angebot an Patienten aufgenommen werden, auch wenn die ätiologische Einordnung und der psychologische Überbau noch (wie allerdings bei vielen anderen Krankheiten auch!) klärungsbedürftig erscheinen.

Als diagnostische Kriterien werden empfohlen:

  • häufiger, unwiderstehlicher Drang, ins Internet einzuloggen
  • Kontrollverluste (= länger als intendiert Online verweilend) einhergehend mit Schuldgefühlen
  • negative soziale Auffälligkeit im engsten Umkreis
  • nachlassende Arbeitsfähigkeit
  • Verheimlichung des Ausmaßes der online - Zeiten
  • Psychische Irritabilität bei Verhinderung online zu sein
  • Mehrfache vergebliche Versuche der Einschränkung.

Vorgeschlagene Diagnostische Einteilung:

GEFÄHRDUNGSSTADIUM:
Vorliegen von zumindest 3 Kriterien über bis zu 6 Monate Dauer
KRITISCHES STADIUM:
Vorliegen von zumindest 4 Kriterien über bis zu 6 Monate Dauer
CHRONISCHES STADIUM:
Vorliegen von 4 oder mehr Kriterien über länger als 6 Monate Dauer

plus einhergehende irreversible psychosoziale Folge-Schädigung (wie Jobverlust, Trennung von Partner/Familie, soziale Selbstisolierung, inadäquate Verschuldung durch exorbitante Telefonkosten) und allfällige somatische Schäden (Schädigung des Sehapparates, Schädigung der Wirbelsäule).

Therapeutische Vorschläge sollen bewusst nicht antizipiert werden - dazu ist "PIG" noch zuwenig beforscht, bzw. wird die Diagnostik im Einzelfall die Indikation stellen. Wie bei substanzgebundenen Süchten könnte aber auch bei "PIG" die sog. "integrative Psychotherapie" ein Mittel der Wahl sein.

Zum Stellenwert dieser Studie ist selbstkritisch anzumerken, dass sie lediglich dazu dienen kann, die Ärzteschaft auf eine neue Spielart nicht-stoffgebundenen süchtigen Verhaltens aufmerksam zu machen, dazu ein praktikables diagnostisches Inventar vorgeschlagen zu haben, sowie die Suchtforschung zu weiterer Befassung zu animieren.

 

Autor: Hans D. Zimmerl, MD. A-1120 Vienna, Schwenkgasse 4, AUSTRIA; E-Mail: hans.zimmerl@telecom.at

Co-Autor: Beate Panosch, MD. A-6020 Innsbruck, AUSTRIA; E-Mail: beate.panosch@e-health.at


Quelle/Für den Inhalt verantwortlich: Prim. Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie & Dr. med. Beate Panosch
Datum der letzten inhaltlichen Aktualisierung / Revision: April 2006

 

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