Prim. a.D. Dr. Zimmerl Hans
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie

 

"INTERNETSUCHT"
Eine Neumodische Krankheit ?

Versuch einer Antwort anhand einer Untersuchung der Applikation: Chatroom


Verfasser: H. D. Zimmerl (Wien)

Co - Autor: B. Panosch, J. Masser (beide Innsbruck)

 

1. Einleitung  
2. Deskriptive Einschätzung des Internet hinsichtlich möglicher suchtinduzierender Potentiale
3. Literaturübersicht
3.1. Literatur zu Arbeitssucht, Spielsucht  
3.2. Literatur zu "Internetsucht"
4. Online- Umfrage
4.1. Methoden
4.2. Ergebnisse
 
4.3. Diskussion
5. Implikationen für den Nervenarzt
6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

 

5. IMPLIKATIONEN FÜR DEN NERVENARZT

Aus den im vorigen Kapitel dargestellten Ergebnissen lässt sich ableiten, dass wir praktizierenden Nervenärzte damit rechnen müssen, hinkünftig unter unserer Klientel auch Patienten vorzufinden, die die Verdachtsdiagnose "Pathologischer Internet - Gebrauch (PIG)" rechtfertigen. Darauf gilt es sich vorzubereiten - nicht zuletzt wohl auch dadurch, dass man sich selbst Mindestkenntnisse auf dem Gebiet: Computer/ allgemein bzw. "CUC" (= Computer Unterstützte Communication) im Internet aneignet. Dies wird notwendig sein, um in der Exploration erfolgreich zu sein, bzw. im allfälligen therapeutischen Zugang die notwendige Empathie üben zu können.

Als diagnostische Kriterien seien empfohlen:

  • Häufiges unüberwindliches Verlangen, ins Internet einzuloggen
  • Kontrollverluste (d.h. längeres Verweilen "online" als intendiert) verbunden mit diesbezüglichen Schuldgefühlen
  • sozial störende Auffälligkeit im engsten Kreis der Bezugspersonen
  • PIG- bedingtes Nachlassen der Arbeitsfähigkeit
  • Verheimlichung/ Bagatellisierung der Gebrauchsgewohnheiten
  • Psychische Irritabilität bei Verhinderung am Internet- Gebrauch
  • Mehrfach fehlgeschlagene Versuche der Einschränkung

Die in der Literatur zur "Spielsucht" (s.o.) angegebenen Einteilungen scheinen sich für PIG weniger zu eignen, weshalb eine adaptierte Phasen-Einteilung vorgeschlagen wird:

DIAGNOSE DES "PIG": 

Gefährdungsstadium:

Vorliegen von bis zu 3 der og. Kriterien in einem Zeitraum von bis zu 6 Monaten

Kritisches Stadium:

Vorliegen von zumindest 4 der og. Kriterien in einem Zeitraum von bis zu 6 Monaten

Chronisches Stadium:

Vorliegen von zumindest 4 oder mehr der og. Kriterien über einen Zeitraum von mehr als 6 Monaten plus damit einhergehendem Vorliegen irreversibler psychosozialer Schäden wie Jobverlust, Trennung v. Partner/ Familie, soziale Selbstisolation, inadäquate Verschuldung durch exorbitante Telefonkosten, sowie mögliche somatische Schäden im Bereich des Sehapparates bzw. des Bewegungs- und Stützapparates.

Als Risikogruppen können angenommen werden:

  • Patienten mit unreifer Ichstruktur
  • eine positive Suchtanamnese
  • depressive Syndrome
  • Patienten mit hypomanischen Attacken
  • Narzisstische Persönlichkeitsstörungen

In der psychiatrischen Untersuchung sollte also nach Ansicht des Verfassers hinkünftig bei Patienten, die angeben, entweder beruflich und/oder privat sich der "CUC" (computerunterstützte Kommunikation ) zu widmen, routinemäßig auch nach der beschriebenen Symptomatik des "PIG" exploriert werden, insbesondere dann, wenn Patienten den o.a. Risikogruppen angehören.

Essentiell für die weitere Bewertung des Syndroms " PIG" wird sein, in der Diagnostik sehr penibel vorzugehen, insbesondere bez. der noch unklaren ätiologischen Einordnung. Genaue Differentialdiagnostik wird erforderlich sein, um in Kasuistiken einzustufen, ob es sich im Einzelfall um Komorbidität bei primär anderer Sucht handelt oder etwa ein accessorisches Symptom bei z.B. einer zu Grunde liegenden larvierten Cyclothymie, oder ob eine Symptombildung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung bspw. vorliegt- oder ob tatsächlich eine Monosymptomatik im Sinne eines eigenständigen psychiatrischen Zustandsbildes mit Krankheitswert darstellbar ist. Ein follow-up Zeitraum von zumindest 1 Jahr wäre anzuraten, da pathologische Symptome bei Komorbidität z.B. unterschiedlich rasch remittieren können.

Die Longitudinalstudie wird der Querschnittsuntersuchung vorzuziehen sein. Weiters ist der bekannte Effekt der Einflüsse durch die Einstellung des Untersuchers auf das Ergebnis zu beachten (Suchttherapeuten finden in prospektiven Langzeitstudien relativ niedrige Prävalenzraten von psychischen Störungen, Psychiater in Kliniken finden in retrospektiven Studien mit kurzem follow-up vergleichsweise hohe Komorbiditätsraten).

Mögliche therapeutische Strategien sollen hier nicht antizipiert werden - schließlich muss die Diagnostik im Einzelfall die Indikation stellen. Grundsätzlich sind alle psychotherapeutischen Verfahren als geeignet denkbar - am ehesten scheinen (analog zur "Spielsucht") Gruppentherapien und verhaltensmodifizierende sowie systemische Ansätze erfolgversprechend. Begleitende medikamentöse Therapien werden wohl ebenfalls zur Anwendung kommen, und sozialtherapeutische Maßnahmen werden zu Beginn häufig notwendig sein, somit die sog. "integrative Psychotherapie" anwendbar sein.

Anmerkung: Der Verfasser wäre interessiert daran, von der Kollegenschaft feed-back über deren Erfahrungen mit der dargestellten Materie zu erhalten (Erreichbarkeit über E-Mail ist gegeben/ s. letzte Seite)

 

6. SCHLUSSBEMERKUNG

Wenn zwar erwartungsgemäß eingestanden werden muss, dass die im Titel gestellte Frage keineswegs - bedingt durch Fehlen gleichzeitiger klinischer Fallstudien - befriedigend beantwortet werden konnte, scheint es immerhin gelungen zu sein, Indizien darzustellen dafür, dass ( jedenfalls im Teilbereich: Chatroom ) auch im deutschsprachigen Teil des Internet User anzutreffen sind, welche suchtartiges Verhalten aufweisen. Diese - mit 12;7 % relevante Subgruppe sollte mit der Bezeichnung "Pathologischer Internet - Gebrauch (PIG)" einheitlich benannt und weiter beforscht werden.

Der Sinn der vorliegenden Arbeit könnte somit darin bestehen, einerseits die Ärzteschaft auf diese neue Spielart nicht-stoffgebundenen suchtartigen Verhaltens aufmerksam gemacht und praktikable diagnostische Inventarien vorgeschlagen zu haben , sowie andererseits die Suchtforschung zu weiterer Befassung animiert zu haben.

 

7. LITERATURVERZEICHNIS

DSM III R: Diagnostische Kriterien und Differentialdiagnosen. Beltz Verlag. Weinheim und Basel 1989

FREUD S.: Zur Einführung des Narzißmus. Erstausgabe. Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Leipzig / Wien / Zürich 1924 ( Seite 21 )

KELLERMANN B.: Pathologisches Glücksspielen und Suchtkrankheit- aus suchtpsychiatrisch-therapeutischer Sicht. In: Suchtgefahren, 33. Jahrgang, Heft 2. NEULAND Verlagsges m.b.H Hamburg 1987

KELLERMANN B.: Wandlungen der deutschsprachigen psychiatrischen Suchtdefinition in: Der Nervenarzt, 62. Jahrgang, Heft 7. Springer- Verlag 1991

KERNBERG O.F.( Hrsg): Narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Schattauer Verlag. New York 1996 ( Seite 52 )

PRUNNLECHNER et alii: Wenn das Spiel zur Sucht wird. In: Clinicum. 11/97 Mannstein’sche Medizinzeitschriften Ges.m.b.H.2380 Perchtoldsdorf. 1997

PUSCHMANN W., WEGENER B.: Arbeit: Die Sucht der Angepassten? Suchtreport Heft 4, Juli/August 1992. SYNANON INTERNATIONAL e.V Berlin 1992

SCHÜTTE F.: "Spielsucht" und Narzissmus. In: Suchtgefahren, 33. Jahrgang, Heft 2, NEULAND Verlagsgesmbh. Hamburg 1987

YOUNG K.: Internet Addiction Disorder ( IAD ) http://netaddiction.com

Anmerkung: Auf Grund der Schnelllebigkeit des Mediums Internet kann für die Aktualität der angeführten Internet - Adressen keine Gewähr übernommen werden.
Als Projektleiter möchte ich an dieser Stelle dem GIN und insbesondere meiner Koautorin Dr. Beate Panosch danken, sowie auch Herrn Heyne vom Chatbetreiber für seine Kooperativität und last not least den vielen Chattern für ihre rege Beteiligung / gez. Dr. H.D. Zimmerl

erschienen in der "Wiener Zeitschrift f. Suchtforschung", Jahrgang 21, Nr 4/98, API/Eigenverlag


Quelle/Für den Inhalt verantwortlich: Prim. Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Dr. med. Beate Panosch
Datum der letzten inhaltlichen Aktualisierung / Revision: April 2006

 

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