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"INTERNETSUCHT" Versuch einer Antwort anhand einer Untersuchung der Applikation: Chatroom Verfasser: H. D. Zimmerl (Wien) Co - Autor: B. Panosch, J. Masser (beide Innsbruck) 1. Einleitung 2. Deskriptive Einschätzung des Internet hinsichtlich möglicher suchtinduzierender Potentiale 3. Literaturübersicht 3.1. Literatur zu Arbeitssucht, Spielsucht4. Online- Umfrage 4.1. Methoden5. Implikationen für den Nervenarzt 6. Schlussbemerkung 7. Literaturverzeichnis 4.1.1 Technische Information Dem Fragebogen lag ein HTML-Formular zugrunde. Die ausgefüllten Bögen wurden über einen Cold Fusion Server in einer über ODBC angeschlossenen Access-Datenbank gespeichert. Die so erhobenen Daten konnten direkt vom statistischen Auswertungsprogramm SPSS 7.5 eingelesen und weiterbearbeitet werden. 4.1.2 RealisationDie Chat-Umfrage wurde im Gesundheitsinformationsnetz des Instituts für Biostatistik der Universität Innsbruck (http://gin.uibk.ac.at) sowie im Chatzentrum Metropolis platziert. Auf einer Startseite wurde das Anliegen der Studie dargelegt und um Mitarbeit gebeten, anschließend gelangten Interessenten zu einem Fragebogen. 4.1.3 UmfrageDer Fragebogen war im Zeitraum von 17.02.1998 bis 27.04.1998 aufrufbar. Die mit dem Bogen erhobenen Parameter umfassten demographische Daten wie Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus, Ausbildung und Beruf, Fragen zu Chatgewohnheiten (wöchentliche Chatdauer, bevorzugte Chatorte und Chatzeiten) und 19 Fragen zu Einstellung und Erfahrungen, wobei die Fragen 5 (ich verspüre oft einen unwiderstehlichen Zwang, in das Chat-Programm einzuloggen), 7 (ich hatte noch nie Schuldgefühle deswegen, zulange online gewesen zu sein), 8 (ich wurde bereits öfter von nahestehenden Personen (Chef, Partner, Freunde, Eltern, Kinder) wegen exzessiven Chattens auf Kosten ihnen zuzuwendender Zeit gerügt), 9 (meine Arbeitsleistung hat, seit ich chatte, abgenommen), 13 (ich habe bereits öfters versucht, meine Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatte aber keinen Erfolg), 15 (ich versuche, das Ausmaß meiner Chat-Aktivitäten vor meiner Umwelt zu verheimlichen) und 17 (wenn ich chatten möchte, aber durch äußere Umstände daran gehindert werde, werde ich nervös und unruhig) als Kernfragen, als diagnostische Kriterien definiert wurden. Die Beschreibung der demographischen Daten, der Fragen zu Chatgewohnheiten und der Einstellungs- und Erfahrungsfragen sollte der Darstellung eines 'Chatprofils' dienen. Es wurde in der Folge versucht, eine Korrelation herzustellen einerseits zwischen Frage 18 (bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein) beziehungsweise Frage 19 (ich halte mich für Chat-süchtig) und den Kernfragen und andererseits zwischen den angegeben Online Zeiten und den Kernfragen. Die Signifikanztestung erfolgte mittels Quiz-Test. Von insgesamt 519 eingelangten Bögen konnten 473 zur Auswertung herangezogen werden. Die Gründe für das Ausscheiden der restlichen 31 Bögen lagen hauptsächlich in einer mehrfachen Abspeicherung, wobei jeweils einer von vollständig identen (wahrscheinlich aus Versehen mehrfach abgespeicherten) Bögen in der Umfrage belassen wurde. Weitere Gründe für das Ausscheiden waren Bemerkungen, welche auf Testläufe schließen ließen, und Bögen, die vollständig oder in bezug auf die Kernfragen unausgefüllt blieben. Wie aus nachstehenden Tabellen ersichtlich ist, gehören die meisten Chatter der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren an, 55% sind männlichen Geschlechts. Ungefähr 40% sind Single und leben noch im Elternhaus. 26 bzw. 32% der Teilnehmer haben einen Schulabschluss ohne bzw. mit Abitur und die meisten sind Schüler (25%), Angestellte (34%) oder Studenten (23%). 42.9% chatten weniger als 7 Stunden in der Woche, am liebsten zu Hause (79%) und vorzugsweise zwischen 17 und 22 Uhr (29%) oder 22 und 02 Uhr (30%). 4.2.1 Tabellen zu demographischen DatenTabelle 1
Tabelle 2
Tabelle 3
Tabelle 4
Tabelle 5
4.2.2 Tabellen zu Chatgewohnheiten Tabelle 6
Tabelle 7
Tabelle 8
4.2.3 Fragen zu Einstellungshaltungen und Erfahrungen Tabelle 9
Tabelle 10 gibt die Anzahl (Prozent) jener Chatter wieder, die keine, eine oder mehrere der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit richtig (*) beantwortet haben:
12.7% (57) jener Chatter, deren Bögen auswertbar waren, beantworteten mindestens vier der sieben Kernfragen mit 'richtig'. * Die in Verneinungsform formulierte Frage 7 wurde in der statistischen Auswertung dann als 'richtig' im Sinne von 'positiv' verwertet, wenn im Fragebogen die Antwort 'falsch' angekreuzt war.
4.2.4 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen der Prozentzahl jener Chatter, die keine, eine oder mehrere der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit richtig (*) beantwortet haben und bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand beim Chatten einstellt:
Von jenen Chattern, die die Frage: Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein mit richtig beantwortet haben, bejahten (*) 69.2% weniger als 4 und 30.8% 4 oder mehr der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17.
4.2.5 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen der Prozentzahl jener Chatter, die keine, eine oder mehrere der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit richtig (*) beantwortet haben und die sich für Chat-süchtig halten:
Von jenen Chattern, die die Frage: ich halte mich für chat-süchtig mit richtig beantwortet haben, bejahten (*) 59.1% weniger als 4 und 40.9% 4 oder mehr der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17.
4.2.6 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen der Prozentzahl jener Chatter, die weniger als 4 oder 4 und mehr der Kernfragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit richtig (*) beantwortet haben und wöchentlichem Zeitaufwand fürs Chatten:
4.2.7 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen ich halte mich für CHAT- süchtig und den Fragen 5, 7, 13, 15, 17
4.2.8 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein und den Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 17
4.2.9 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein und wöchentlichem Zeitaufwand fürs Chatten:
4.2.10 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen ich halte mich für CHAT- süchtig und wöchentlichem Zeitaufwand fürs Chatten:
4.2.11 Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen den Fragen 5 (ich verspüre oft einen unwiderstehlichen, inneren Zwang, in das Chat-Programm einzuloggen), 13 (ich habe bereits öfters versucht, meine Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatte aber dabei keinen Erfolg), 17 (ich werde nervös und unruhig, wenn ich durch äußere Umstände am Chatten gehindert werde) und wöchentlichem Chat-Zeitaufwand und ein signifikanter Zusammenhang (p<0.05) zwischen Frage 15 (ich versuche, das Ausmaß meiner Chat-Aktivitäten vor meiner Umwelt zu verheimlichen). und wöchentlichem Chat-Zeitaufwand:
4.2.12 Interessante Nebenaspekte (die in Klammern angegebenen Prozente beziehen sich immer auf den jeweiligen Ausbildungsgrad, die jeweilige Altersgruppe, das jeweilige Geschlecht): Die Frage 7: ich hatte noch nie Schuldgefühle deswegen, zulange online gewesen zu sein zeigt, dass Schuldgefühle mit steigendem Ausbildungsgrad sinken (46-63%) - eine Ausnahme bilden Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule (56%). Die Frage 8: ich wurde bereits öfter von nahestehenden Personen (Chef, Partner, Freunde, Eltern, Kinder) wegen exzessiven Chattens auf Kosten ihnen zuzuwendender Zeit gerügt wurde am häufigsten von der Altersgruppe unter 18 (32%) bzw. den Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule mit richtig beantwortet. Frauen werden eher gerügt als Männer (28 versus 20%). Die Frage 13: ich habe bereits öfters versucht, meine Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatte aber keinen Erfolg wurde am häufigsten von den Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule bejaht. Die Frage 15: ich versuche, das Ausmaß meiner Chat-Aktivitäten vor meiner Umwelt zu verheimlichen wird eher mit höherem Ausbildungsgrad bejaht. Je jünger die Chatter, desto weniger wird das Chat-Ausmaß vor der Umwelt verheimlicht, Ausnahme die über 50 jährigen (nie mit richtig beantwortet). Die Frage 17: wenn ich chatten möchte, aber durch äußere Umstände daran gehindert werde, werde ich nervös und unruhig eher von Jüngeren mit richtig beantwortet (unter 18: 20%) bzw. von den Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule - Ausnahme die über 50 jährigen (27%). Frauen reagieren eher nervös als Männer (22 versus 17%).
Das Hauptergebnis dieser Studie ist in der Tabelle 10 ablesbar. Dort finden sich die Ergebnisse der Auswertung der Antworten auf die sogenannten "Kernfragen" , analog zum Procedere, welches im DSM III-R für die Diagnostik des Pathologischen Spielens ("Spielsucht") usuell ist. Während allerdings dort zumindest 4 von 9 Kriterien positiv vorliegen müssen, sind es in der eigenen Check-List 4 von nur 7 Kriterien, was die Diagnostik jedenfalls noch "enger" fasst. Was die Auswahl der "Kernfragen" betrifft, ist festzuhalten, dass diese inhaltlich mit den, in Nordamerika verwendeten Check-Lists konform gehen. Es wurde aber versucht, noch präziser als dort zu formulieren. Zum anderen stellen die "Kernfragen" adaptierte Formulierungen des DSM III-R für das Pathologische Spielen dar - angepasst an die Thematik "Pathologischer Internet-Gebrauch (PIG)". Dies scheint jedenfalls ein sinnvoller Zugang zu sein, da einerseits in der einschlägigen Literatur von - ansonst verschiedene Standpunkte vertretenden - "Experten" einhellig die Nähe zur "Spielsucht" betont wird. Andererseits ( s.Kapitel 2 ) führte ja auch die eigene Einschätzung dazu, der Anwendung: Chatroom als Attraktivitätsfaktor die Mischung aus Befriedigung des Spieltriebes einerseits und des Bedürfnisses nach Kommunikation andererseits zuzuordnen. Es lässt sich also behaupten, dass nach obigem Maßstab 12.7 % der Probanden ein suchtartiges Verhalten aufweisen, welches als "Pathologischer Internet - Gebrauch (PIG)" benennbar ist. Das zweite auffällige Ergebnis, welches hier hervorgehoben werden soll, ist jenes, dass insgesamt über 20%, bzw. 30.8% der Subgruppe: "PIG" angeben, einen "rauschähnlichen Zustand" bei intensivem Chatten zu erleben. Auch wenn im Fragebogen keine Definition beigefügt war, ist dieser Begriff doch als allgemeinverständlich einzustufen und erscheint die Prozentzahl daher relevant zu sein. Der Verfasser könnte sich vorstellen, dass durch die intensive Sinnesbeanspruchung und sehr dichte Koordination von Perzeption und intellektuell-motorischer (Re-) Aktion bei subjektiv fehlender Ermüdung plus gleichzeitiger Euphorisierung Veränderungen im Bereich der Neurotransmitter und/oder des Endorphinsystems stattfinden - eine Hypothese, die einer klinischen Untersuchung unterzogen werden sollte. Zum dritten schließlich sei noch hervorgehoben, dass die Bereitschaft der Probanden zu Selbstreflexion offenbar hoch ist, wenn man in Betracht zieht, dass 40.9% der Subgruppe "PIG" sich selbst als "süchtig" einstufen. Dies kann als Indiz herhalten für Problembewusstsein einerseits, wobei eine gewisse "Koketterie" mit dem Begriff "Sucht" allerdings auch eine Rolle spielen dürfte. Zumindest könnte man annehmen, dass die klinische Diagnostik auf gute Compliance stieße. Gleichzeitig sei aber bezweifelt, dass im selben Ausmaß der Wunsch nach Verhaltensänderung und somit die Bereitschaft, sich einem fachlichen, therapeutischen Setting zu stellen, gegeben sei - aus eigener Beobachtung verstehen sich die Probanden als eine Art "Subkultur" und neigen stark zum Rationalisieren. Risikofaktoren sind aus der Umfrage nur begrenzt darstellbar: So ist mangelndes Selbstwertgefühl als einer davon anzunehmen (29% insgesamt geben an, dass es ihnen wichtig ist, im Chat "angesehen" zu sein), ungefestigte Ich-Strukturen können angenommen werden, wo 8.5% angeben, ihre reale und ihre virtuelle Identität durcheinander zubringen, sowie zwanghafte Züge, wo 41.6% angeben, auch dann oft ans Chatten zu denken, wenn sie offline sind. Neurotische Vermeidungs- und Verdrängungsmechanismen (ev. auch antidepressive" Selbstmedikation") scheinen eine Rolle zu spielen, wo 32.8% angeben, dass Chatten ihnen dabei helfe, "unangenehme Dinge des Alltags aus dem Gedächtnis zu verdrängen". weiter
zu "Implikationen für den Nervenarzt" (Punkt 5)
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