Prim. a.D. Dr. Zimmerl Hans
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie

 

"INTERNETSUCHT"
Eine Neumodische Krankheit ?

Versuch einer Antwort anhand einer Untersuchung der Applikation: Chatroom


Verfasser: H. D. Zimmerl (Wien)

Co - Autor: B. Panosch, J. Masser (beide Innsbruck)

 

1. Einleitung  
2. Deskriptive Einschätzung des Internet hinsichtlich möglicher suchtinduzierender Potentiale
3. Literaturübersicht
3.1. Literatur zu Arbeitssucht, Spielsucht  
3.2. Literatur zu "Internetsucht"
4. Online- Umfrage
4.1. Methoden
4.2. Ergebnisse
 
4.3. Diskussion
5. Implikationen für den Nervenarzt
6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

 

4. ONLINE - UMFRAGE

4.1 Methoden

4.1.1 Technische Information

Dem Fragebogen lag ein HTML-Formular zugrunde. Die ausgefüllten Bögen wurden über einen Cold Fusion Server in einer über ODBC angeschlossenen Access-Datenbank gespeichert. Die so erhobenen Daten konnten direkt vom statistischen Auswertungsprogramm SPSS 7.5 eingelesen und weiterbearbeitet werden.

4.1.2 Realisation

Die Chat-Umfrage wurde im Gesundheitsinformationsnetz des Instituts für Biostatistik der Universität Innsbruck (http://gin.uibk.ac.at) sowie im Chatzentrum Metropolis platziert. Auf einer Startseite wurde das Anliegen der Studie dargelegt und um Mitarbeit gebeten, anschließend gelangten Interessenten zu einem Fragebogen.

4.1.3 Umfrage

Der Fragebogen war im Zeitraum von 17.02.1998 bis 27.04.1998 aufrufbar. Die mit dem Bogen erhobenen Parameter umfassten demographische Daten wie Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus, Ausbildung und Beruf, Fragen zu Chatgewohnheiten (wöchentliche Chatdauer, bevorzugte Chatorte und Chatzeiten) und 19 Fragen zu Einstellung und Erfahrungen, wobei die Fragen 5 (ich verspüre oft einen unwiderstehlichen Zwang, in das Chat-Programm einzuloggen), 7 (ich hatte noch nie Schuldgefühle deswegen, zulange online gewesen zu sein), 8 (ich wurde bereits öfter von nahestehenden Personen (Chef, Partner, Freunde, Eltern, Kinder) wegen exzessiven Chattens auf Kosten ihnen zuzuwendender Zeit gerügt), 9 (meine Arbeitsleistung hat, seit ich chatte, abgenommen), 13 (ich habe bereits öfters versucht, meine Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatte aber keinen Erfolg), 15 (ich versuche, das Ausmaß meiner Chat-Aktivitäten vor meiner Umwelt zu verheimlichen) und 17 (wenn ich chatten möchte, aber durch äußere Umstände daran gehindert werde, werde ich nervös und unruhig) als Kernfragen, als diagnostische Kriterien definiert wurden. Die Beschreibung der demographischen Daten, der Fragen zu Chatgewohnheiten und der Einstellungs- und Erfahrungsfragen sollte der Darstellung eines 'Chatprofils' dienen. Es wurde in der Folge versucht, eine Korrelation herzustellen einerseits zwischen Frage 18 (bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein) beziehungsweise Frage 19 (ich halte mich für Chat-süchtig) und den Kernfragen und andererseits zwischen den angegeben Online Zeiten und den Kernfragen. Die Signifikanztestung erfolgte mittels Quiz-Test.

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4.2 Ergebnisse 

Von insgesamt 519 eingelangten Bögen konnten 473 zur Auswertung herangezogen werden. Die Gründe für das Ausscheiden der restlichen 31 Bögen lagen hauptsächlich in einer mehrfachen Abspeicherung, wobei jeweils einer von vollständig identen (wahrscheinlich aus Versehen mehrfach abgespeicherten) Bögen in der Umfrage belassen wurde. Weitere Gründe für das Ausscheiden waren ‘Bemerkungen’, welche auf Testläufe schließen ließen, und Bögen, die vollständig oder in bezug auf die Kernfragen unausgefüllt blieben.

Wie aus nachstehenden Tabellen ersichtlich ist, gehören die meisten Chatter der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren an, 55% sind männlichen Geschlechts. Ungefähr 40% sind Single und leben noch im Elternhaus. 26 bzw. 32% der Teilnehmer haben einen Schulabschluss ohne bzw. mit Abitur und die meisten sind Schüler (25%), Angestellte (34%) oder Studenten (23%). 42.9% chatten weniger als 7 Stunden in der Woche, am liebsten zu Hause (79%) und vorzugsweise zwischen 17 und 22 Uhr (29%) oder 22 und 02 Uhr (30%).

4.2.1 Tabellen zu demographischen Daten

Tabelle 1

Geschlecht

Häufigkeit

Prozent

keine Angabe

22

4.7

männlich

260

55.0

weiblich

191

40.4

Tabelle 2

Altersgruppe

Häufigkeit

Prozent

keine Angabe

3

0.6

unter 18

101

21.4

18-29

245

51.8

30-40

90

19.0

41-50

23

4.9

über 50

11

2.3

Tabelle 3

Beziehungsstatus

Häufigkeit

Prozent

ich bin derzeit im Elternhaus lebend

197

41.6

ich bin derzeit in loser Beziehung lebend

59

12.5

ich bin derzeit nicht an einer Beziehung interessiert

20

4.2

ich bin derzeit Single

209

44.9

ich bin Elternteil

51

10.2

ich bin derzeit in fester Beziehung lebend

149

31.5

Tabelle 4

Ausbildungsgrad

Häufigkeit

Prozent

keine Angabe

18

3.8

Grundschule

55

11.6

Schulabschluss ohne Abitur

123

26.0

Schulabschluss mit Abitur

151

31.9

Fachhochschule

59

12.5

Universität

67

14.2

Tabelle 5

Beruf

Häufigkeit

Prozent

Arbeiter

21

4.4

Schüler

118

24.9

Angestellter

159

33.6

Student

197

22.6

Selbständiger

57

12.1

anderer Beruf

47

9.9

ich habe hauptberuflich mit EDV zu tun

160

33.8

 

4.2.2 Tabellen zu Chatgewohnheiten

Tabelle 6

'Für das Chatten wende ich an wöchentlicher Zeit auf'

Häufigkeit

Prozent

keine Angabe

1

0.2

weniger als 7 Stunden

203

42.9

weniger als 14 Stunden

131

27.7

weniger als 20 Stunden

79

16.7

20-30 Stunden

37

7.8

30-40 Stunden

12

2.5

mehr als 40 Stunden

10

2.1

Tabelle 7

'Ich chatte vorwiegend wo?'

Häufigkeit

Prozent

keine Angabe

9

1.9

zu Hause

330

69.8

an der Universität

56

11.8

am Arbeitsplatz

78

16.5

Tabelle 8

'Ich chatte am liebsten und häufigsten'

Häufigkeit

Prozent

keine Angabe

89

18.8

zwischen 7 und 17 Uhr

97

20.5

zwischen 17 und 22 Uhr

135

28.5

zwischen 22 und 02 Uhr

144

30.4

zwischen 02 und 07 Uhr

8

1.7

 

4.2.3 Fragen zu Einstellungshaltungen und Erfahrungen

Tabelle 9

Frage

Anzahl (%) richtig

Anzahl (%) falsch

Anzahl (%) keine Angabe

1: Am Chatten gefällt mir besonders, dass ich mit meiner Identität experimentieren kann

202 (42.7)

266 (56.2)

5 (1.1)

2: Chatten hilft mir dabei, die unangenehmen Dinge des Alltags aus meinem Gedächtnis zu verdrängen

155 (32.8)

317 (67)

1 (0.2)

3: Die meisten meiner FreundInnen habe ich im Chat kennengelernt

45 (9.5)

423 (89.4%)

5 (1.1)

4: Ich habe mich niemals mit jemandem zu einem persönlichen Treffen verabredet, den ich nur vom Chat her kenne

190 (40.2)

283 (59.8)

-

5: Ich verspüre oft einen unwiderstehlichen Zwang, in das Chat-Programm einzuloggen

205 (43.3)

265 (56)

3 (0.6)

6: Ich opfere regelmäßig Zeit meiner Nachtruhe fürs Chatten

124 (26.2)

344 (72.7)

5 (1.1)

7: Ich hatte noch nie Schuldgefühle deswegen, zulange online gewesen zu sein

253 (53.5)

218 (46.1)

2 (0.4)

8: Ich wurde bereits öfter von nahestehenden Personen (Chef, Partner, Freunde, Eltern, Kinder) wegen exzessiven Chattens auf Kosten ihnen zuzuwendender Zeit gerügt

114 (24.1)

357 (75.5)

2 (0.4)

9: Meine Arbeitsleistung hat, seit ich chatte, abgenommen

65 (13.7)

404 (85.4)

4 (0.8)

10: Ich habe schon bemerkt, dass ich meine reale Identität und meine virtuelle Identität durcheinanderbringe

40 (8.5)

426 (90.1)

7 (1.5)

11: Würde ich nicht chatten, bliebe mir gar kein Vergnügen

34 (7.2)

431 (91.1)

8 (1.7)

12: Es ist für mein Selbstwertgefühl wichtig, im Chat angesehen zu sein

137 (29.0)

332 (70.2)

4 (0.8)

13: Ich habe bereits öfters versucht, meine Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatte aber keinen Erfolg

76 (16.1)

392 (82.9)

5 (1.1)

14: Es ist mir aufgefallen, dass ich auch dann oft ans Chatten denke, wenn ich offline bin

197 (41.6)

265 (56.0)

11 (2.3)

15: Ich versuche, das Ausmaß meiner Chat-Aktivitäten vor meiner Umwelt zu verheimlichen

51 (10.8)

414 (87.5)

8 (1.7)

16: Ich bezeichne mich und andere Chatter oft im Scherz als ‘süchtig’

264 (55.8)

204 (43.1)

5 (1.1)

17: Wenn ich chatten möchte, aber durch äußere Umstände daran gehindert werde, werde ich nervös und unruhig

89 (18.8)

380 (80.3)

4 (0.8)

18: Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein

95 (20.1)

373 (78.9)

5 (1.1)

19: Ich halte mich für Chat-süchtig

116 (24.5)

352 (74.4)

5 (1.1)

Tabelle 10 gibt die Anzahl (Prozent) jener Chatter wieder, die keine, eine oder mehrere der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit ‘richtig’ (*) beantwortet haben:

Anzahl der mit ‘richtig’ beantworteten Kernfragen

Häufigkeit

Gültige Prozent

Kumulierte Prozent

0

57

12.7

12.7

1

183

40.7

53.3

2

96

21.3

74.7

3

57

12.7

87.3

4

34

7.6

94.9

5

13

2.9

97.8

6

9

2.0

99.8

7

1

0.2

100

Total

450

100

 

12.7% (57) jener Chatter, deren Bögen auswertbar waren, beantworteten mindestens vier der sieben Kernfragen mit 'richtig'.

* Die in Verneinungsform formulierte Frage 7 wurde in der statistischen Auswertung dann als 'richtig' im Sinne von 'positiv' verwertet, wenn im Fragebogen die Antwort 'falsch' angekreuzt war.

 

4.2.4

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen der Prozentzahl jener Chatter, die keine, eine oder mehrere der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit ‘richtig’ (*)  beantwortet haben und bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand beim Chatten einstellt:

Anzahl der mit ‘richtig’ beantworteten Kernfragen

 

‘Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein’

 

   

richtig

falsch

 

Häufigkeit

Häufigkeit

Prozent

Häufigkeit

Prozent

0

56

3

5.4

53

94.6

1

181

19

10.5

162

89.5

2

95

21

22.1

74

77.9

3

57

20

35.1

37

64.9

4

34

16

47.1

18

52.9

5

13

7

53.8

6

46.2

6

9

4

44.4

5

55.6

7

1

1

100

-

-

Total

446

91

20.4

355

79.6

 

wpe6.jpg (29117 Byte)

Von jenen Chattern, die die Frage: ‘Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein’ mit ‘richtig’ beantwortet haben, bejahten (*) 69.2% weniger als 4 und 30.8% 4 oder mehr der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17.

 

4.2.5

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen der Prozentzahl jener Chatter, die keine, eine oder mehrere der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit ‘richtig’ (*)  beantwortet haben und die sich für Chat-süchtig halten:

Anzahl der mit ‘richtig’ beantworteten Kernfragen

 

‘Ich halte mich für Chat-süchtig’

 

   

richtig

falsch

 

Häufigkeit

Häufigkeit

Prozent

Häufigkeit

Prozent

0

57

3

5.3

54

94.7

1

182

16

8.8

166

91.2

2

95

17

17.9

78

82.1

3

56

29

51.8

27

48.2

4

34

24

70.6

10

29.4

5

13

12

92.3

1

7.7

6

9

8

88.9

1

11.1

7

1

1

100

-

-

Total

447

110

24.6

355

79.6

 

wpe7.jpg (32753 Byte)

Von jenen Chattern, die die Frage: ‘ich halte mich für chat-süchtig’ mit ‘richtig’ beantwortet haben, bejahten (*) 59.1% weniger als 4 und 40.9% 4 oder mehr der Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17.

 

4.2.6

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen der Prozentzahl jener Chatter, die weniger als 4 oder 4 und mehr der Kernfragen 5, 7, 8, 9, 13, 15, 17 mit ‘richtig’ (*) beantwortet haben und wöchentlichem Zeitaufwand fürs Chatten:

Wöchentliche Chatzeit

Anzahl jener Chatter, die weniger als 4 der Kernfragen bejahten

Anzahl jener Chatter, die 4 oder mehr der Kernfragen bejahten

 

Häufigkeit

Prozent

Häufigkeit

Prozent

weniger als 7 Stunden

184

93.9

12

6.1

weniger als 14 Stunden

110

90.2

12

9.8

weniger als 20 Stunden

61

82.4

13

17.6

20-30 Stunden

25

71.4

10

28.6

30-40 Stunden

7

58.3

5

41.7

mehr als 40 Stunden

5

50

5

50

Gesamt

392

87.3

57

12.7

 

4.2.7

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen ‘ich halte mich für CHAT- süchtig’ und den Fragen 5, 7, 13, 15, 17

  • 85% der Chatter, die sich für Chat-süchtig halten, verspüren oft einen unwiderstehlichen, inneren Zwang, in das Chat-Programm einzuloggen.
  • 60% der Chatter, die sich für Chat-süchtig halten, hatten Schuldgefühle deswegen, zulange online gewesen zu sein.
  • 47% der Chatter, die sich für Chat-süchtig halten, haben bereits öfters versucht, ihre Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatten aber dabei keinen Erfolg.
  • 23% der Chatter, die sich für Chat-süchtig halten, versuchen, das Ausmaß ihrer Chat-Aktivitäten zu verheimlichen.
  • 45% der Chatter, die sich für Chat-süchtig halten, werden nervös und unruhig, wenn sie durch äußere Umstände am Chatten gehindert werden.
  • Außerdem chatten jene Personen, die sich für Chat-süchtig halten, am liebsten zwischen 22 und 02 Uhr.

 

4.2.8

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen ‘Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein’ und den Fragen 5, 7, 8, 9, 13, 17

  • 75.8% der Chatter, bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand einstellt, verspüren oft einen unwiderstehlichen, inneren Zwang, in das Chat-Programm einzuloggen.
  • 48.9% der Chatter, bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand einstellt, hatten noch nie Schuldgefühle zulange online gewesen zu sein.
  • 36.2% der Chatter, bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand einstellt, wurden bereits öfters von nahestehenden Personen wegen exzessiven Chattens gerügt.
  • 26.6% der Chatter, bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand einstellt, haben eine Abnahme ihrer Arbeitsleistung bemerkt.
  • 31.6% der Chatter, bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand einstellt, haben bereits öfters versucht, Ihre Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatten aber dabei keinen Erfolg.
  • 14.9% der Chatter, bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand einstellt, versuchen das Ausmaß ihrer Chat-Aktivitäten zu verheimlichen.
  • 43.6% der Chatter, bei denen sich ein rauschähnlicher Zustand einstellt, werden nervös und unruhig, wenn sie durch äußere Umstände am Chatten gehindert werden.

 

4.2.9

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen ‘Bei intensivem Chatten stellt sich ein rauschähnlicher Zustand bei mir ein’ und wöchentlichem Zeitaufwand fürs Chatten:

Wöchentliche Chatzeit
‘Bei intensivem Chatten stellt sich bei mir ein rauschartiger Zustand ein’
 

richtig

falsch

 

Häufigkeit

Prozent

Häufigkeit

Prozent

weniger als 7 Stunden

34

17

166

83

weniger als 14 Stunden

35

26.9

95

73.1

weniger als 20 Stunden

11

13.9

68

86.1

20-30 Stunden

4

10.8

33

89.2

30-40 Stunden

6

50

6

50

mehr als 40 Stunden

5

55.6

4

44.4

Gesamt

95

20.3

372

79.7

 

4.2.10

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen ‘ich halte mich für CHAT- süchtig’ und wöchentlichem Zeitaufwand fürs Chatten:

Wöchentliche Chatzeit
‘Ich halte mich für chat-süchtig’
 

richtig

falsch

 

Häufigkeit

Prozent

Häufigkeit

Prozent

weniger als 7 Stunden

19

9.5

180

90.5

weniger als 14 Stunden

32

24.4

99

75.6

weniger als 20 Stunden

31

39.7

47

60.3

20-30 Stunden

19

51.4

18

48.6

30-40 Stunden

8

66.7

4

33.3

mehr als 40 Stunden

7

70

3

30

Gesamt

116

24.8

351

75.2

4.2.11

Es besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang (p<0.001) zwischen den Fragen 5 (ich verspüre oft einen unwiderstehlichen, inneren Zwang, in das Chat-Programm einzuloggen), 13 (ich habe bereits öfters versucht, meine Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatte aber dabei keinen Erfolg), 17 (ich werde nervös und unruhig, wenn ich durch äußere Umstände am Chatten gehindert werde) und wöchentlichem Chat-Zeitaufwand und ein signifikanter Zusammenhang (p<0.05) zwischen Frage 15 (ich versuche, das Ausmaß meiner Chat-Aktivitäten vor meiner Umwelt zu verheimlichen). und wöchentlichem Chat-Zeitaufwand:

 

Mit ‘richtig’ beantwortete Kernfragen

 

Frage 5

Frage 7

Frage 13

Frage 15

Frage 17

 

Häufigkeit/Prozent

 

weniger als 7 Stunden

58/28.7

114/56.4

16/8

13/6.5

24/11.9

weniger als 14 Stunden

64/49.2

76/58

19/14.7

14/10.9

20/15.3

weniger als 20 Stunden

44/56.4

33/42.3

24/30.8

13/16.7

18/23.1

20-30 Stunden

21/56.8

15/40.5

10/27

8/22.2

14/38.9

30-40 Stunden

9/75

6/50

3/25

3/25

8/66.7

mehr als 40 Stunden

9/90

8/80

4/40

-

5/50

Gesamt

205/43.7

252/53.6

76/16.3

51/11

89/19

 

4.2.12

Interessante Nebenaspekte (die in Klammern angegebenen Prozente beziehen sich immer auf den jeweiligen Ausbildungsgrad, die jeweilige Altersgruppe, das jeweilige Geschlecht):

Die Frage 7: ‘ich hatte noch nie Schuldgefühle deswegen, zulange online gewesen zu sein’ zeigt, dass Schuldgefühle mit steigendem Ausbildungsgrad sinken (46-63%) - eine Ausnahme bilden Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule (56%).

Die Frage 8: ‘ich wurde bereits öfter von nahestehenden Personen (Chef, Partner, Freunde, Eltern, Kinder) wegen exzessiven Chattens auf Kosten ihnen zuzuwendender Zeit gerügt’ wurde am häufigsten von der Altersgruppe unter 18 (32%) bzw. den Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule mit richtig beantwortet. Frauen werden eher gerügt als Männer (28 versus 20%).

Die Frage 13: ‘ich habe bereits öfters versucht, meine Chat-Gewohnheiten einzuschränken, hatte aber keinen Erfolg’ wurde am häufigsten von den Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule bejaht.

Die Frage 15: ‘ich versuche, das Ausmaß meiner Chat-Aktivitäten vor meiner Umwelt zu verheimlichen’ wird eher mit höherem Ausbildungsgrad bejaht. Je jünger die Chatter, desto weniger wird das Chat-Ausmaß vor der Umwelt verheimlicht, Ausnahme die über 50 jährigen (nie mit richtig beantwortet).

Die Frage 17: ‘wenn ich chatten möchte, aber durch äußere Umstände daran gehindert werde, werde ich nervös und unruhig’ eher von Jüngeren mit richtig beantwortet (unter 18: 20%) bzw. von den Personen mit Ausbildungsgrad Grundschule - Ausnahme die über 50 jährigen (27%). Frauen reagieren eher nervös als Männer (22 versus 17%).

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4.3 Diskussion

Das Hauptergebnis dieser Studie ist in der Tabelle 10 ablesbar. Dort finden sich die Ergebnisse der Auswertung der Antworten auf die sogenannten "Kernfragen" , analog zum Procedere, welches im DSM III-R für die Diagnostik des Pathologischen Spielens ("Spielsucht") usuell ist. Während allerdings dort zumindest 4 von 9 Kriterien positiv vorliegen müssen, sind es in der eigenen Check-List 4 von nur 7 Kriterien, was die Diagnostik jedenfalls noch "enger" fasst.

Was die Auswahl der "Kernfragen" betrifft, ist festzuhalten, dass diese inhaltlich mit den, in Nordamerika verwendeten Check-Lists konform gehen. Es wurde aber versucht, noch präziser als dort zu formulieren. Zum anderen stellen die "Kernfragen" adaptierte Formulierungen des DSM III-R für das Pathologische Spielen dar - angepasst an die Thematik "Pathologischer Internet-Gebrauch (PIG)". Dies scheint jedenfalls ein sinnvoller Zugang zu sein, da einerseits in der einschlägigen Literatur von - ansonst verschiedene Standpunkte vertretenden - "Experten" einhellig die Nähe zur "Spielsucht" betont wird. Andererseits ( s.Kapitel 2 ) führte ja auch die eigene Einschätzung dazu, der Anwendung: Chatroom als Attraktivitätsfaktor die Mischung aus Befriedigung des Spieltriebes einerseits und des Bedürfnisses nach Kommunikation andererseits zuzuordnen.

Es lässt sich also behaupten, dass nach obigem Maßstab 12.7 % der Probanden ein suchtartiges Verhalten aufweisen, welches als "Pathologischer Internet - Gebrauch (PIG)" benennbar ist.

Das zweite auffällige Ergebnis, welches hier hervorgehoben werden soll, ist jenes, dass insgesamt über 20%, bzw. 30.8% der Subgruppe: "PIG" angeben, einen "rauschähnlichen Zustand" bei intensivem Chatten zu erleben. Auch wenn im Fragebogen keine Definition beigefügt war, ist dieser Begriff doch als allgemeinverständlich einzustufen und erscheint die Prozentzahl daher relevant zu sein.

Der Verfasser könnte sich vorstellen, dass durch die intensive Sinnesbeanspruchung und sehr dichte Koordination von Perzeption und intellektuell-motorischer (Re-) Aktion bei subjektiv fehlender Ermüdung plus gleichzeitiger Euphorisierung Veränderungen im Bereich der Neurotransmitter und/oder des Endorphinsystems stattfinden - eine Hypothese, die einer klinischen Untersuchung unterzogen werden sollte.

Zum dritten schließlich sei noch hervorgehoben, dass die Bereitschaft der Probanden zu Selbstreflexion offenbar hoch ist, wenn man in Betracht zieht, dass 40.9% der Subgruppe "PIG" sich selbst als "süchtig" einstufen. Dies kann als Indiz herhalten für Problembewusstsein einerseits, wobei eine gewisse "Koketterie" mit dem Begriff "Sucht" allerdings auch eine Rolle spielen dürfte. Zumindest könnte man annehmen, dass die klinische Diagnostik auf gute Compliance stieße. Gleichzeitig sei aber bezweifelt, dass im selben Ausmaß der Wunsch nach Verhaltensänderung und somit die Bereitschaft, sich einem fachlichen, therapeutischen Setting zu stellen, gegeben sei - aus eigener Beobachtung verstehen sich die Probanden als eine Art "Subkultur" und neigen stark zum Rationalisieren.

Risikofaktoren sind aus der Umfrage nur begrenzt darstellbar: So ist mangelndes Selbstwertgefühl als einer davon anzunehmen (29% insgesamt geben an, dass es ihnen wichtig ist, im Chat "angesehen" zu sein), ungefestigte Ich-Strukturen können angenommen werden, wo 8.5% angeben, ihre reale und ihre virtuelle Identität durcheinander zubringen, sowie zwanghafte Züge, wo 41.6% angeben, auch dann oft ans Chatten zu denken, wenn sie offline sind. Neurotische Vermeidungs- und Verdrängungsmechanismen (ev. auch antidepressive" Selbstmedikation") scheinen eine Rolle zu spielen, wo 32.8% angeben, dass Chatten ihnen dabei helfe, "unangenehme Dinge des Alltags aus dem Gedächtnis zu verdrängen".

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Quelle/Für den Inhalt verantwortlich: Prim. Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Dr. med. Beate Panosch
Datum der letzten inhaltlichen Aktualisierung / Revision: April 2006

 

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