Prim. a.D. Dr. Zimmerl Hans
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie

 

"INTERNETSUCHT"
Eine Neumodische Krankheit ?

Versuch einer Antwort anhand einer Untersuchung der Applikation: Chatroom


Verfasser: H. D. Zimmerl (Wien)

Co - Autor: B. Panosch, J. Masser (beide Innsbruck)

 

1. Einleitung  
2. Deskriptive Einschätzung des Internet hinsichtlich möglicher suchtinduzierender Potentiale
3. Literaturübersicht
3.1. Literatur zu Arbeitssucht, Spielsucht  
3.2. Literatur zu "Internetsucht"
4. Online- Umfrage
4.1. Methoden
4.2. Ergebnisse
 
4.3. Diskussion
5. Implikationen für den Nervenarzt
6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

 

3. Literaturübersicht

Die nachstehende Übersicht würde dem einzuhaltenden Gebot der Kürze einer Online- Publikation widersprechen, wenn eine breitangelegte Darstellung der Unzahl von Publikationen zum Thema: Sucht erfolgte. Entsprechend der in den USA getätigten Zuordnung der IAD zur Spielsucht wird dieser Aspekt bevorrangt.

Es soll zunächst im ersten Abschnitt eine pointierte Gegenüberstellung einer kritischen Abhandlung zum Suchtbegriff einerseits, sowie dreier etablierter Autoren andererseits erfolgen, welche von der Darstellung des diagnostischen State of the Art anhand des DSM III R beschlossen wird.

Im zweiten Abschnitt- das Thema: IAD betreffend, wird eine sehr übersichtliche Publikation einer amerikanischen Autorengruppe präsentiert, welche durchaus kritisch den Stand der Diskussion anno 1997 darstellt. Im Anschluss daran wird noch über Ergebnisse einer US- Online- Befragung berichtet sowie auf die vehementeste Verfechterin der Implementierung der IAD und den von ihr vorgestellten Selbsttest kurz Bezug genommen, sowie eine Kasuistik vorgestellt.

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3.1 Kommentierte Übersicht zum Thema Suchtbegriff (unter besonderer Berücksichtigung der "Arbeitssucht" sowie "Spielsucht" und allfälligen Parallelen dieser zur sog. IAD )

3.1.1 PUSCHMANN, WEGENER

Der Titel der zitierten Arbeit lautet: "Arbeit: Die Sucht der Angepassten?"/ Untertitel: "Die Inflationierung des Suchtbegriffes". Direkt anschließend liest man, dass die

Autoren bezweifeln, dass die Kriterien des klassischen Begriffes: "Sucht" auf den zunehmend strapazierten Ausdruck:" Arbeitssucht" zuträfen.

Der Bezug dieser Abhandlung zur sog. IAD ist ein mehrfacher: 

  1. letztere ist ein noch keineswegs abgeklärtes Zustandsbild, das jedoch trotzdem begrifflich bereits ebenso von Inflationierung bedroht ist.
  2. sowohl die "Arbeitssucht" als auch die sog. IAD leiden an Defiziten in der Theoriebildung.

Die Ausführungen der Autoren bedürfen allerdings in mehrfacher Hinsicht einer Kommentierung:

  1. Es wird geschrieben, dass Arbeit ein menschliches Grundphänomen sei, weshalb das Wort: Arbeit sich per se nicht eigne, ein pathologischer Begriff zu sein.

Dem ist entgegenzuhalten, dass auch der Konsum von Genussmitteln ( wie z.B. Alkohol, der hierzulande ein Kulturgut darstellt ) ein menschliches Grundphänomen darstellt, was trotzdem kein Widerspruch dazu ist, das Konsumverhalten aus der nervenärztlichen Sicht in die Bereiche: Gebrauch / Missbrauch / Abhängigkeit  zu gliedern.

  1. In weiterer Folge wird der Versuch unternommen, anhand eines Streifzuges durch die historische Entwicklungsgeschichte des Suchtbegriffes eine, auf "Arbeitssucht" anwendbare Ätiologie aufzusuchen. Die Bemühung von immerhin 46 Literaturquellen von Freud bis zum Marxismus führt die Autoren zur Schlussfolgerung, dass es unklar bleibe, was "Arbeitssucht" eigentlich sein solle und dass der Begriff allemal falsch sei.

Dies soll in Ermangelung eigener Befassung mit dem Thema: "Arbeitssucht" an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.

  1. Ein dritter Aspekt dieser Arbeit, der hinsichtlich der Einschätzung der sog. IAD wesentlich erscheint, ist folgender:

Die Einschätzung neuer, nichtstoffgebundener Süchte sollte besser damit begonnen werden, das beobachtete Phänomen syndromatisch zu beschreiben, und auf handfeste suchtspezifische Kriterien zu untersuchen. (Umfragen- und das sei hier vorweggenommen - können nur verdichtende Hinweise zur eigenen empirischen Einschätzung liefern). Die weitere psychiatrische Beurteilung wird als Voraussetzung prospektive Kasuistik mit ausreichend langem follow-up haben, ehe man von primärer Abhängigkeit sprechen kann. Anhand des Gesamteindruckes kann man dann ätiologische Spurensuche betreiben und den psychologischen Überbau versuchen. Dabei sollte beachtet werden, dass die einseitig-dogmatische Denkweise als obsolet gilt, sondern vielmehr "Schulen"- übergreifendes Verständnis gefordert ist. Essentiell ist schließlich ebenso, zu bedenken, dass im modernen Suchtverständnis die Genese immer als multifaktoriell zu begreifen ist.

Der letztgenannte Ansatz sollte auch auf die Einschätzung der sog. IAD angewendet werden.

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3.1.2 KELLERMANN B.

Dieser Autor beschreibt in seinem Artikel: "Wandlungen der deutschsprachigen psychiatrischen Suchtdefinition" , dass gerade durch Erfahrungen mit z.B. pathologischen Glücksspielern , jungen Drogenabhängigen, aber auch Alkoholkranken in frühen Krankheitsstadien sich die Einstellung der deutschsprachigen Psychiatrie zum Suchtbegriff gewandelt habe. Die Definition müsse klar und wertneutral, aber auch ausreichend umfassend sein. Auch er verweist darauf, dass das in der Praxis relevanteste, bereits früh auftretende Symptom das des Kontrollverlust-Phänomens sei. Ebenso wendet sich der Autor gleichfalls gegen eine unkritische Ausweitung des Suchtbegriffes, u. ist an anderer Stelle so zu verstehen, dass sich der DSM III R gut eigne, diese unscharfe Beliebigkeit der Verwendung des Terminus: "Sucht" hintenzuhalten. An anderer Stelle:" Pathologisches Spielen und Suchtkrankheit" beschreibt der Autor die Phasen des pathologischen Spielens folgend: Im Anfangsstadium überwiegen die positiven psychischen Effekte (= positives Stadium) , dann komme es zu einer zunehmend eingeschliffenen, fixierten Gewohnheit (= Gewohnheitsstadium) und schlussendlich zu einem vernunftwidrigen, reflexionsarm ablaufenden Vorgang (= Stadium der Suchtkrankheit).

Ob eine solche Einteilung auch auf das Phänomen der sog. IAD anwendbar wäre, soll weiter unten erörtert werden.

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3.1.3 SCHÜTTE F.

In der Arbeit mit dem Titel: ""Spielsucht" und Narzissmus" schließt der Autor zunächst einmal nicht aus, dass ein pathologischer Spieler auch neurotische und/oder zwanghafte Züge aufweist. Die Spielsucht selbst wird als narzisstischer Selbstheilungsversuch benannt. Faktisch handle es sich beim pathologischen Glücksspiel um eine exzessive Leidenschaft, die für den Spieler selbst als auch seine Umwelt zum Problem wird. Der Spieler sei nicht mehr in der Lage, seinen familiären, beruflichen oder sozialen Verpflichtungen nachzukommen, was zu Arbeitsplatzverlust, gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen u. anderen negativen sozialen Auswirkungen führe. Letztere Beschreibung ist eine solche, welche auch bei stoffgebundenen Süchten im fortgeschrittenen Stadium zu beobachten ist, wie aber eben auch in der Literatur beschriebene Symptome der sog. IAD ihr nahe kommen.

Was den Zusammenhang von Narzissmus und der sog. IAD betreffen könnte, sei hier am Beispiel: Chatroom kurz angedeutet. Einerseits sind die vielzitierten "Online-Romanzen"- sofern man trotz Virtuellität von "Objektwahl" im Sinne v.S.FREUD sprechen will- eher zwangsläufig eine Objektwahl nach dem narzisstischen Typus (v.a. offensichtlich danach, was man selbst sein möchte), da ein nährender, schützender Partner in diesem Medium - wo Identitäten über skurille Nicknames oft unzuordenbaren Geschlechts und möglichst "coole" Sprüche vermittelt werden- kaum auffindbar ist. Zum anderen eignet sich der Schutz der Anonymität eines virtuellen Chatrooms aus eigener Beobachtung auch zum möglichen Betätigungsfeld eines "Malignen Narzissmus" (nach KERNBERG), der sich ja durch die narzisstische Persönlichkeitsstörung auszeichnet, kombiniert mit antisozialem Verhalten, ichsyntoner Aggression oder Sadismus sowie einer ausgeprägt paranoiden Haltung (wobei betont werden soll, dass derartige Verhaltensstörungen seriöserweise ja nur klinisch diagnostizierbar sind, somit in der Beobachtung eines elektronischen Vorgangs nur eingeschränkt unterstellbar sind).

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3.1.4 PRUNNLECHNER R. et al.

Hier wird auf eine Publikation einer Innsbrucker Autorengruppe Bezug genommen, welche unter dem Titel: " Wenn das Spiel zur Sucht wird" erschien. Die Autoren sind durchweg Praktiker, welche in der Arbeitsgruppe "Contra Gambling" an der Univ. Klinik f. Psychiatrie in Innsbruck klinisch tätig sind. Die Prävalenz der Glücksspielsucht wird als landesabhängig beschrieben. Für Deutschland wird sie mit 2% beziffert. Soziodemographisch handle es sich bei den Betroffenen vorzugsweise um Männer zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr. Die Comorbidität von Alkoholismus liege bei bis zu 50%, eine Mehrfachabhängigkeit bestehe bei 14%, eine Angststörung bei 40% und Depression in 47%. Familienanamnestische Daten weisen Abhängigkeitserkrankungen der Eltern im Ausmaß von 40% aus. Die Autoren versuchen, eine Typologie aufzustellen, was im Hinblick auf etwaige Parallelitäten zur sog. IAD interessant erscheint. Die Einteilung umfasst: Gelegenheitsspieler, intensive soziale Spieler, Gewohnheitsspieler, (seltene) professionelle Spieler bis zu den pathologischen Spielern im Sinne der Spielsucht.

Hinsichtlich der Genese wird hervorzustreichenderweise auf das Dreiecksmodell stoffgebundener Süchte hingewiesen, wobei die 3 Eckpunkte dargestellt werden durch: Das Mittel, Das Milieu, Das Individuum. Es sei auch aus der eigenen Erfahrung angemerkt, dass nur so die Dynamik einer Abhängigkeitserkrankung plastisch verstehbar wird (was jedenfalls einen "Schulen"- übergreifenden Denkansatz fordert). Hinsichtlich der ätiologischen Theorien wird ebenso auf die psychoanalytische Tradition verwiesen (s.a. SCHÜTTE), aber auch lerntheoretische Aspekte werden benannt.

Bezüglich therapeutischer Methodik erweise sich die Gruppentherapie als wichtigster Baustein.

Die Relevanz dieser Arbeit für das Thema: IAD besteht neben den möglichen Parallelen in der Typologiebildung darin, dass hinkünftig bei etablierten Süchten auch nach comorbidem Verhalten im Sinne der IAD exploriert werden sollte et vice versa. 

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3.1.5 DSM III R

Anmerkungen: 

  1. Es wurde deshalb nicht die neueste Version IV verwendet, da diese teilweise noch umstritten ist.
  2. Bei der Auflistung der diagnostischen Kriterien wurde, um eine mögliche Anwendbarkeit auf die sog. IAD zu erleichtern, die allenfalls zur Vergleichsbildung in Frage kommenden Formulierungen KURSIV geschrieben.

Pathologisches Spielen 312.31 / Diagnostische Kriterien:

Fehlangepasstes Spielverhalten, was sich in mindestens vier der folgenden Merkmale ausdrückt:

  1. Häufige Beschäftigung mit dem Glücksspiel oder damit, Geld für das Spielen zu beschaffen.
  2. Häufiges Spielen um größere Geldsummen oder Spielen über einen längeren Zeitraum als beabsichtigt
  3. Das Bedürfnis, die Höhe oder die Häufigkeit der Einsätze zu steigern, um die gewünschte Erregung zu erreichen.
  4. Ruhelosigkeit oder Reizbarkeit, wenn nicht gespielt werden kann.
  5. Wiederholte Geldverluste beim Spielen, und Zurückkehren am anderen Tag, um die Geldverluste wieder wettzumachen.
  6. Wiederholte Versuche, das Spielen einzuschränken oder zu beenden.
  7. Häufiges Spielen, obwohl das Erfüllen sozialer oder beruflicher Pflichten vorrangig wäre.
  8. Aufgeben wichtiger sozialer, beruflicher oder Freizeitaktivitäten, um zu spielen.
  9. Fortsetzung des Spielens trotz Unfähigkeit, die wachsenden Schulden zu zahlen, oder trotz anderer bedeutender sozialer, beruflicher oder gesetzlicher Probleme, von denen der Betroffene weiss, dass sie durch Spielen verschlimmert werden.

Es scheint sich zu zeigen, dass die o.a. diagnostischen Kriterien in zumindest 7 Punkten auf die diagnostische Einschätzung der sog. IAD anwendbar sein könnten. Ob dies zu bejahen ist, wird unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Umfrage in der abschließenden Diskussion erörtert werden.

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3.2.1"JUNKIES" ( i.e. DIAS Isabel, SMITH N.Sharlene, YUN Wendy )

Anmerkung: Die in dieser Arbeit genannten Autoren werden nicht im eigenen Literaturverzeichnis angeführt ( außer sie wurden woanders zitiert ). Es wird auf die, der Arbeit angegliederten References verwiesen, wo alle Autoren mit Internetadressen direkt aufrufbar sind )

Diese Arbeit ist übersichtlich gegliedert. In der Einführung wird ein Teilnehmer einer sich " Surfer’s Anonymus" nennenden Selbsthilfegruppe in Art eines Gesprächsprotokolls zitiert (wobei nicht hervorgeht, auf welche Weise dieser Bericht zustande kam ). Es wird darin von einem männlichen "Surfer" anschaulich geschildert, wie er successive seine Surfgewohnheiten intensivierte, dabei soziale Probleme bekam am Arbeitsplatz aber auch und vor allem mit seiner Partnerin. Er beschreibt auch die zunehmende Fixierung und sein steigendes Problembewusstsein, welches ihn schließlich zu einer Selbsthilfegruppe führte, durch deren Hilfe er das Netsurfing wieder lassen konnte und seine sozialen Probleme in den Griff bekam.

Im nächsten Punkt:" Was ist es?" benannt, wird zunächst die Untersuchung von BRENNER erörtert und dabei der dort erwähnte Konnex zur Spielsucht betont und die Arbeit dieses Autors als bahnbrechend für die weitere Erörterung der Frage, ob es sich um eine Störung handle oder nicht, qualifiziert. Seine Ergebnisse werden kurz dargelegt und mit denen anderer Autoren verglichen. Anschließend wird K. YOUNG als die primär forschende Psychologin angeführt. Es wird auch deren "Online Addiction Centre" erwähnt sowie die Bemühungen, die von ihr so benannte "Internet Addiction Disorder" (IAD) in das DSM einzubringen. Die praktische Arbeit hinsichtlich Beratung Betroffener wie auch der praktischen Ärzte wird angeführt. Die von Young getroffene Zuordnung zur Spielsucht wird betont, aber auch die Naherückung zu Alkoholismus und Drogensucht.

Was diese beiden angeführten Autoren betrifft, wird anschließend noch extra die eigene Bewertung angeführt werden.

Im nächsten Abschnitt:" I A D ALS FEHLBEZEICHNUNG " wird ausgeführt, dass keineswegs alle Forscher zustimmen würden, diesen Terminus einem psychiatrischen Lexikon einzuverleiben. Es wird z.B. GOLDBERG benannt, der einerseits allenfalls eine Nähe zur "Arbeitssucht" gestattet bzw. ausdrücklich sage, dass die Bezeichnung IAD gefährlich wäre, weil sie impliziere, dass das Internet per se ein Suchtpotential aufweise. Er präferiere den Begriff:" Pathologischer Computergebrauch". Es werden noch weitere kritische Stimmen zitiert, welche vor allem dem von Young hergestellten Konnex zum Alkoholismus widersprechen. Es wird auch darauf hingewiesen, dass man noch weitere Forschungen abwarten müsse, bevor man - wenn überhaupt -von einer Störung sprechen könne.

Im folgenden Kapitel: "Was ist die Attraktion?" werden 2 Punkte angeführt:

  1. Realitätsflucht und
  2. Experimentieren mit der eigenen Identität.

Zu a) wird wiederum Goldberg zitiert, wenn er argumentiert, dass nicht das Internet per se süchtig mache, sondern der Anwender damit Depressionen, Angstzustände oder Dysphorie bekämpfe. Sodann wird der Psychologieprofessor J.SULER ins Treffen geführt als jemand, der eine sinnvolle Erklärung zum Phänomen liefere, wenn er sage, dass Internetbenützer, welche sehr viel Zeit im Net verbringen, ein Bedürfnis nach Kontakt und Zugehörigkeitsgefühl befriedigen, welches ihnen in ihrer realen Umgebung nicht möglich sei. Auch Aspekte der Erweiterung des geistigen Horizontes werden als Positiva benannt.

Zu b) wird Prof. TURKLE angerufen mit dem Zitat, dass das, was heute wichtig sei- nämlich Flexibilität hinsichtlich Arbeitsplatzwechsels, neuer Erziehungsmodelle, neuer Geschlechterrollen und neuer Technologien- hier eine entscheidende Rolle spiele; schließlich würde man zur Selbstdefinition als "flexibel" und "wandlungsfähig" geradezu genötigt, was eben im Internet leichter auslebbar sei.

Ein anderer Autor wiederum, nämlich BRODY, führt aus, dass viele User im Bereich der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, welche in Mittelschichten aufwuchsen, eine Art sozialen Aufstieg simulieren.

Im anschließenden Kapitel: "Was sind die Auswirkungen?" wird das Ergebnis einer eigenen Umfrage vorgestellt, zugleich aber wegen des geringen Samples als natürlich nicht repräsentativ relativiert, weshalb hier auch nicht näher darauf eingegangen werden soll. Es wird dem gegenübergestellt, was K. Young an Ergebnissen ihrer Forschung vorweist. Sie habe ihre Erkenntnisse aus E-Mail Informationen, Telefon- und persönlichen Interviews gewonnen. Die Ergebnisse würden auf eine Art Toleranzsteigerung bei solchen Individuen, die abhängig seien, hinweisen (in Form kontinuierlich steigender online- Frequenzen). Die Beeinträchtigungsbereiche beträfen 5 Kategorien: Beziehungen, Studium, Arbeitsbereich, ökonomischer Bereich und allgemeine Gesundheit.

Als CONCLUSION schließlich führt die Autorengruppe aus, dass in Anbetracht der vorliegenden Erkenntnisse es nicht möglich sei, dem Internet Suchtpotentiale zuzuordnen, solange nicht weiterführende Forschungen diesbezügliche Hinweise erbringen. Wohl aber wird konzediert, dass exzessiver Konsum zu negativen sozialen Konsequenzen führen könne. Dies sind also die zur vorsichtigen Einschätzung weisenden Erkenntnisse dieser, aus Kommunikationspsychologen und Anthropologen bestehenden Autorengruppe.

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3.2.2 BRENNER V.

Dieser Autor - er wurde oben schon erwähnt - ist Professor an der Marquette University im Milwaukee. Zu seiner Arbeit ist zu sagen, dass sie ermutigt, Online-surveys als valides Untersuchungsinstrument zu verwenden. Der Autor argumentiert, dass mögliche methodische Nachteile (self-selection) durch die Vorteile der enormen Verbreitung aufgewogen würden. Im Untersuchungszeitraum der ersten 30 Tage wurde die Homepage des Autors von 408 usern aus 25 Ländern aufgesucht. 185 valide surveys wurden ausgefüllt. Die Resultate zeigten, dass die User durchschnittlich 21 Stunden/ Woche im Netz verbringen. Ein Fragebogen, welcher zur Einschätzung suchtartigen Verhaltens konzipiert wurde, wird vorgestellt und als normiert qualifiziert ( IRABC = Internet-related Addictive Behavior Checklist ). Erste Auswertungen würden zeigen, dass eine Untergruppe von usern bestehe, welche exzessive und suchtartige Verhaltensmuster zeige, dass aber vorerst keine erfolgreichen Indikatoren für Früherkennung darstellbar seien.

Für das detaillierte Studium dieser Arbeit sei auf die online- Publikation verwiesen.

3.2.3 YOUNG K.

Auch diese Autorin wurde bereits mehrfach erwähnt. Neben der Publikation eines Buches mit dem Titel: "Caught in the Net" , welches Mitte des Jahres 1998 erscheinen soll, hat die Autorin in jüngster Zeit auch einen "Addiction-Self-Test" ins Internet gestellt. Zu diesem, wie auch zur check-list von Brenner ist zu sagen, dass große Ähnlichkeiten zum eigenen Fragebogen bestehen ( wobei zu sagen ist, dass die Checklist, welche Brenner verwendete, zwar gelesen wurde, aber für die eigene Konzeption nicht ausschlaggebend war, sondern diese vielmehr als Ausfluss eigener Beobachtungen im Netz (siehe Pkt.2. dieser Arbeit) zu verstehen ist. Zum Self-test von Young sei nur festgehalten, dass dieser zeitlich erst nach der eigenen Umfrage publiziert wurde.

Eines sei abschließend zur Autorin Young aber noch festzuhalten: Dort, wo sie die Abhängigkeitspotentiale vorwiegend im Bereich der Chatrooms ortet, kann aus eigener Sicht zugestimmt werden. Auch die von ihr verwendeten Kriterien scheinen treffend. Aber dort, wo sie die von ihr so benannte IAD einer stoffgebundenen Sucht, wie dem Alkoholismus, gleichstellt, ist ihr heftigst zu widersprechen. Wenn man selbst über 15.000 Alkoholiker und Mischsüchtige im Entzug diagnostiziert und behandelt hat, kann auch dann, wenn psychosoziale und somatische Schädigung durch süchtiges Konsumverhalten im Bereich des Internet gegeben sein mag, hier keine Zustimmung erteilt werden. Die psychische Abhängigkeit mag ähnliche Wurzeln und allenfalls vergleichbare Intensität haben - die körperliche Abhängigkeit samt schwerster bis lebensbedrohlicher Entzugssymptomatik fehlt jedenfalls bei der sog. IAD. Ebenso ist ein Äquivalent zum geistigen Abbau und der "alkoholischen Wesensänderung" nicht zu sehen. Insgesamt schaden solche Vergleiche daher sowohl dem Wunsch nach Anerkennung und Propagierung der sog. IAD, als sie auch einer abzulehnenden Verharmlosung des Alkoholismus und anderer stoffgebundener Süchte gleichkommen.

Eine bedauerliche Tatsache ist es auch, dass die Autorin in ihren Websites nur eine einzige Kasuistik anführt. Dabei bleibt unklar, ob die - über 6 Monate geführten - Interviews im herkömmlichen face-to-face setting, oder elektronisch geführt wurden. Summarisch sei der beschriebene Fall jedenfalls kurz skizziert:

Es handelte sich dabei um eine 43 - jährige Hausfrau, deren Fall deshalb beschrieben würde, weil er sich eigne, mit dem Klischee vom Technik- begeisterten männlichen Computerfreak aufzuräumen. Weiters sei in diesem Fall keine frühere Abhängigkeitserkrankung oder sonstige psychiatrische Auffälligkeit in der Anamnese feststellbar. Ihr bisheriges Leben sei zufriedenstellend verlaufen. Sie habe in den ersten 3 Monaten des Gebrauches ihres Heimcomputers in zunehmenden Ausmaß Chatrooms frequentiert. Es sei zu einer Art Toleranzsteigerung gekommen, die Hausfrau habe online- Zeiten von bis zu 60 Stunden/ Woche erreicht. Sie habe sich bald auf einen bevorzugten Chat konzentriert, wo sie sich " etablierte" und eine Art Gemeinschaftsgefühl entwickelte. Sehr bald konnte sie - entgegen besserer Absicht - die Zeit der verbrachten sessions nicht mehr kontrollieren- diese hätten manchmal bis zu 14 Stunden in einem angedauert. Wenn sie nicht online sein konnte, habe sie depressive Verstimmungen, Angstzustände und Irritabilität entwickelt. In der Folge begann sie, Verabredungen nicht mehr einzuhalten, ihre Freunde zu vernachlässigen ebenso wie ihr Familienleben, sowie früher geschätzte soziale Aktivitäten nicht mehr auszuüben.

Bei mangelndem Problembewusstsein musste sie sich mit gravierenden familiären Problemen und Vorwürfen konfrontieren. In der Folge kam es zu Entfremdung vom Ehemann und den Töchtern. Dies führte dann doch zu Einsicht und Selbsteinschätzung derart: " Ich fühle mich süchtig nach dem Internet wie jemand anders nach Alkohol". Sie konnte i. d. Folge ihr Konsumverhalten eingrenzen, ohne therapeutische Hilfe beansprucht zu haben. Sie gab aber auch zu, einen völligen Verzicht nicht geschafft zu haben, noch ihre familiäre Situation sanieren zu können, ohne externe Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ein weiter erwähnenswerter Aspekt ist, dass YOUNG an anderer Stelle zuletzt vom Begriff IAD abzurücken scheint und zunehmend den Terminus: pathological Internet use (PIU) verwendet. Dies scheint in Hinblick darauf, dass der deutschsprachige Begriff: "Internetsucht" ohnedies ein schwammiger ist (wenngleich "griffig" und daher wohl schwer eliminierbar), von Bedeutung zu sein. Der Verfasser dieser Studie würde analog auch den Begriff: Pathologischer Internet Gebrauch (PIG) bevorzugen

weiter zur Online-Umfrage (Punkt 4)
weiter zu "Implikationen für den Nervenarzt" (Punkt 5)

weiter zur Schlussbemerkung (Punkt 6), Literaturverzeichnis (Punkt 7)

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Quelle/Für den Inhalt verantwortlich: Prim. Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Dr. med. Beate Panosch
Datum der letzten inhaltlichen Aktualisierung / Revision: April 2006

 

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