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"INTERNETSUCHT" Versuch einer Antwort anhand einer Untersuchung der Applikation: Chatroom Verfasser: H. D. Zimmerl (Wien) Co - Autor: B. Panosch, J. Masser (beide Innsbruck) 1. Einleitung 2. Deskriptive Einschätzung des Internet hinsichtlich möglicher suchtinduzierender Potentiale 3. Literaturübersicht 3.1. Literatur zu Arbeitssucht, Spielsucht4. Online- Umfrage 4.1. Methoden5. Implikationen für den Nervenarzt 6. Schlussbemerkung 7. Literaturverzeichnis 1. Einleitung Während im deutschsprachigen Europa diesem Thema bis dato wenig öffentliche Beachtung zukam, wird in Nordamerika bereits seit 1995 in zunehmendem Ausmaß die These der Existenz einer "Internetsucht" behauptet und hat sich der Begriff "INTERNET ADDICTION DISORDER (IAD)" etabliert. (In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff IAD zunächst mit der Voranstellung "sog." für: sogenannt behandelt werden). Warum die sog. "IAD" gerade in Nordamerika zuerst thematisiert wurde, mag folgende Gründe haben:
Als illustrierendes Beispiel diene an dieser Stelle die mediale Darstellung des ersten Falles, welcher überregionale Aufmerksamkeit erregte, anhand des 1997 in der Online-Publikation ABC NEWS von E. J. Gong Jr. beschriebenen casus: "Sandra Hacker". Darin wird berichtet, dass eine dreifache Mutter in Cincinnati verhaftet worden sei, weil sie ihre Kinder völlig vernachlässigt habe, um ungestört dem Internetkonsum zu frönen. Sie hätte 12 Stunden täglich online verbracht, während ihre Kleinkinder schreiend vor Hunger im herabgekommenen Appartement verblieben. Diese seien dann nach Unterbringung der Mutter im Gefängnis in die Obhut der Fürsorge übergeben worden. Die in diesem Artikel dazu zitierten Meinungsäußerungen beleuchten das Spektrum der Diskussion: Der in diesem Falle amtshandelnde Polizeiofficer namens Neudigate (sein Einschreiten war vom Ex - Ehemann urgiert worden ) beschreibt die vorgefundenen Zustände in der Wohnung wörtlich als: "Trümmerfeld" Die Kinder seien in einem eigenen Raum weggesperrt gewesen, um nicht stören zu können. Wörtlich sagt er:" Wenn man mich fragt, schaute es da aus, wie im Haushalt eines crack - oder heroin-junkies". Diese Aussage des Polizeibeamten wird im Artikel mit den Thesen der führenden Forscherin, Prof. K. Young, welche als Vorkämpferin der Qualifizierung exzessiven Internet-Konsums als Abhängigkeit gilt, untermauert. Im selben Artikel wird aber auch die Aussage des Psychologen H. Skinner von der Universität Toronto zitiert, der wörtlich die Gegenfrage stellt: "Ist hier irgendein Unterschied zu machen zu jenen, die verrückt nach Golf sind, oder nach Segeln, oder die Marathonläufe absolvieren?" Daran lassen sich gut die Eckpunkte der anhaltenden Diskussion darstellen. Zur eigenen vorliegenden Untersuchung ist folgendes zum Verständnis voranzustellen:
Aus diesen Gründen hat der Autor zunächst eigene Eindrücke in der Anwendung des Internet gesammelt (diese werden im nächsten Kapitel dargelegt) unter dem Aspekt, aus eigener Beobachtung zu prüfen, ob - und wenn ja, in welchem Bereich des Internet - allfällige suchtinduzierende Potentiale aufzufinden wären. Diese eigene Einschätzung führte ebenfalls zur Hypothese, dass am ehesten im Bereich der Applikation: Chatroom nähere Untersuchungen angebracht seien. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher diesem Teilbereich
des Internet unter gleichzeitiger Prüfung allfälliger Ähnlichkeiten zur
Spielsucht.
Als Vorbemerkung sei angeführt, dass die vorliegende kleine Arbeit zur Online-Publikation gedacht ist und sich somit an eine Leserschaft wendet, von der Grundkenntnisse in EDV und Internet vorausgesetzt werden. Dem um Vertiefung dieser Kenntnisse bemühten Leser sei die Diplomarbeit von V.K.HOHENHEIM zum Thema: "Computernetze und Kommunikation" sehr empfohlen. Wie schon in der Einleitung angedeutet, konnte der Autor nach eigenem Eindruck während einer einjährigen Benutzungsphase des Internet vorerst keinerlei Hinweise auf suchtinduzierende Potentiale im allg. Bereich des Internet auffinden. Das "Surfen" im World Wide Web gerät oft auf Grund von technischen Problemen eher zum Ärgernis als zum Anreiz exzessiven Konsums, weshalb "WWW" auch gerne scherzhaft mit "world wide waiting" übersetzt wird. Die Erwartungen des Neueinsteigers hinsichtlich Information werden vorerst eher enttäuscht. Erst mit Erreichen einer gewissen Routine können die diesbezüglichen Möglichkeiten des Mediums ausgeschöpft werden. Exzessive Verweildauern im Bereich allgemeiner Sites im www sind daher ein bei Anfängern unvermeidbares Übel und nicht als süchtiges Verhalten qualifizierbar. Bezüglich des Aufsuchens von Sex - Sites im WWW ist festzuhalten: Der Konsum solcher Inhalte durch Erwachsene unterscheidet sich wohl weder bezüglich der Motivation, noch der Inhalte, noch der damit verbundenen Kosten oder des Zeitaufwandes vom herkömmlichen Konsum von Videos. Kinderpornographische Inhalte bzw. Konsum durch Minderjährige sind zwar sicher ein Problem, aber keines, welches mit Suchtaspekten zu tun hätte. Allfällige suchtinduzierende Potentiale im allg. Bereich des WWW konnten nicht vermutet werden. Ein mögliches hinkünftiges Problem - welches mit IAD nicht direkt zu tun hat - sei aber trotzdem erwähnt: Die sog. "Kaufsüchtigen", welche jetzt schon durch Versandhandel erleichterten Zugang zur Befriedigung ihres Suchtverhaltens haben, werden dann, wenn der Online-Handel üblich werden sollte, möglicherweise zu einem veritablen sozialpsychiatrischen Problem werden. Bezüglich der Anwendung E-Mail ist nur zu sagen, dass es sich dabei ja um nichts Anderes handelt, als den Ersatz herkömmlichen Briefkontaktes durch eine dramatisch verbesserte Geschwindigkeit der Postzustellung. Nur der Anfänger wird viel Zeit im Netz damit verbringen, langatmige E-Mails zu verfassen. Man lernt aber sehr rasch, dass erwartet wird, sich kurz zu fassen. Es ist daher auch hier keine Abhängigkeit vorstellbar. Wenn nun US- Kolleginnen ( K. YOUNG ) das gewohnheitsmäßige Überprüfen der eingelangten Post bereits als Abhängigkeitskriterium in einen Self - test verpacken, erscheint dies beträchtlich überzogen. Etwas anders sieht es bereits im Nutzungsbereich: Usenet aus. Zwar ist auch hier ein suchtartiges Konsumverhalten eher unwahrscheinlich, da in dieser - eigentlich einer Zeitung, welche nur aus Leserbriefen besteht, ähnlichen - Applikation keine unmittelbare Reaktion auf postings erfolgt. In diesem Zusammenhang sei auch N. DÖRING ausdrücklich zitiert, welche sich in ihrer Arbeit: " Einsam am Computer?" den sozialpsychologischen Aspekten der sog. Usenet Community widmet. Die Autorin wendet sich darin vehement und ausdrucksstark gegen hysterisierende Stigmatisierung angeblich per se sozial isolierter, vereinsamter Freaks. Indes sie durchaus auch Gefahren in exzessivem Gebrauch nicht negiert, ist ihr zuzustimmen, wenn sie zur differenzierten Betrachtung einlädt. Etwa dort, wo sie argumentiert, dass zu unterscheiden sei, zu wessen allfälligen Nachteil die am Computer verbrachte Zeit gereiche, d.h. dass zu berücksichtigen sei, was der User ansonsten an Stelle dessen getan hätte. Sie gesteht den möglichen Schaden ein, wenn die verwendete Zeit z.B. von der Kindererziehung abgezweigt werde. Demgegenüber sei der Verzicht auf Wirtshaustouren samt Besäufnis eher als Gewinn für den User einzustufen - eine Einschätzung, die teilbar erscheint. Ebenso ist DÖRING zuzustimmen, wenn sie argumentiert, dass jemand, der ausgefeilte Beiträge für z.B. eine literarische Newsgroup am PC austüftelt, sich nicht unterscheidet von einem Autor, der dasselbe bisher auf einer Schreibmaschine tat - wobei letzterem vielleicht allenfalls eine schrullige Leidenschaft, aber kein süchtiges Verhalten attestiert würde. So gesehen, ist also auch in diesem Bereich keine relevante Suchtgefährdung erkennbar. Die sogenannten MUDs ( Multi User Dungeons ) - das sind Computerspiele im virtuellen Raum, für die sich die Teilnehmer künstliche Identitäten ausdenken und so mit anderen simulierten Figuren kommunizieren- scheinen im deutschsprachigen Teilbereich des Internet nicht sehr verbreitet zu sein, wie sie auch hinsichtlich allf. Suchtpotentials in der US- Literatur nachrangig benannt werden. Es wurde dieser Bereich daher nicht einer persönlichen Einschätzung unterzogen. Hinsichtlich der Internet-Applikation: Chatrooms, welche als eigene IRC-Programme bestehen wie sie ebenso mittlerweile auf WWW-Servern mannigfach präsent sind, ist diesen aus eigener empirischer Einschätzung Aufmerksamkeit als Suchttherapeut/ - forscher zu widmen. Zunächst soll aber kurz näher auf diese spezielle Form der CUC ( Computerunterstützte Communikation ) eingegangen werden. Wenn man sich erstmals in ein solches Programm einloggt, wird man schwerlich in der Lage sein, diese dort vorzufindende "Meta-Kommunikation" zu durchschauen- zu ungewöhnlich sind die kurzen Statements, die anfangs als eher unverständliche Chiffren über den Bildschirm jagen. Auch wenn man miteinkalkuliert, dass ein Versenden von Dialoginhalten herkömmlicher Form dann, wenn 100 Leute dies gleichzeitig tun, rein technisch nicht machbar ist ( bzw. die Kommunikation dann keine unmittelbare, der realen Rede-Gegenrede-Situation vergleichbare mehr wäre )- selbst dann erscheint die in Chatrooms gepflogene Ausdrucksweise als sehr gewöhnungsbedürftig. Zwar ist der Gebrauch von emoticons (Mischung aus Emotion und Icon= Zeichen), bekannt als "smiley", was Grundstimmungen ausdrückt. So steht : - ) für Lachen, : - ( für Missstimmung, etc. Darüber hinaus werden aber auch Gefühlszustände und virtuelle Aktionen durch sog. Asteriske (*) gekennzeichnet , wie z.B.: * lol * (= laugh out loud) , *knuddel* ( virtuelle liebevolle Geste ) etc. Wenn man nun noch beobachtet, dass die häufigsten Wortmeldungen kurze Begrüßungsfloskeln für Neuankömmlinge bzw. Verabschiedungen ausloggender Chatter betreffen und inhaltsvolle Statements oder intellektuelle Wortgefechte eher selten sind, stellt sich natürlich die Frage, was eigentlich das Faszinosum des Chat ausmachen könnte. Die Attraktivität des Chat scheint mehrere Gründe zu haben:
Nachdem der Autor obige Eindrücke gewonnen hatte, entschied er sich für die nähere Untersuchung dieses deutschsprachigen Chat-Programmes namens "Metropolis" und zwar deshalb gerade für dieses aus folgenden Gründen:
In der Beobachtung dieses Chat-Programmes ließen den Autor diverse Hinweise vermuten, dass die User ein zumindest diffuses Problembewusstsein aufweisen. So konnte beobachtet werden, dass als Begrüßungsformel oft zu lesen ist: "Hallo Ihr Süchtigen", oder *süchtel*. Auch fällt auf, dass die Chatter sich sehr häufig geradezu entschuldigen, wieder ausloggen zu müssen, weil z.B. gerade ein vorgesetzter Arbeitskollege den Raum betritt (*Chefalarm*). Auch konnte im Newsforum der Beitrag einer Chatterin als Statement zum Phänomen: Chat nachgelesen werden, wo einerseits betont wird, es handle sich hier um ein soziales Projekt, andererseits aber vielleicht auch um eine Sucht. Ein augenfälliges Beispiel sei noch angeführt: Als zu Anfang des Jahres 1998 der Chat- Server vorangekündigt aus technischen Gründen nachmittags stillgelegt war, konnte der Autor nach Neustart des Chat am Abend folgenden Satz eines Chatters lesen: " Ha, ich fühle mich wie ein Alkoholiker, der die Schnapsflasche gefunden hat..." Aus der Zusammenschau der selbst gewonnenen Einschätzungen sowie nach Studium der online- Literatur (v.a.: YOUNG , BRENNER ) schien es dem Autor also lohnenswert, eine eigene online- Befragung in diesem Chat-Programm durchzuführen. Die Ergebnisse werden im übernächsten Kapitel referiert werden. weiter
zur Literaturübersicht (Punkt 3)
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